Kinder mögen Medien – Medien mögen Kinder

Basis-Know-How für Eltern, Erzieher und Lehrer

Medien werfen wegen ihrer Faszinationkraft, Vielfalt und Kommerzialität eine Menge Fragen auf, vor allem immer dann, wenn Kinder als deren Nutzer ins Visier geraten: Aber sind Kinder den Medien wirklich hilflos ausgeliefert? Welche Angebote bevorzugen sie und wie verarbeiten sie ihre Medienerlebnisse. Welche Medienkompetenzen entwickeln Kinder per se, wobei brauchen sie Unterstützung. Ein kleiner Grundbaukasten vermittelt Hintergrundwissen kompakt zu verschiedenen medienpädagogischenThemen .

von Stefan Aufenanger

Medienkindheit? Medienkindheit!

Sicher mag es umstritten sein, ob Kinder heute nur noch in einer Medienwelt aufwachsen. Denn Eltern und Familien spielen - jedenfalls in den jüngeren Jahren - noch eine bedeutsame Rolle. Aber relativ schnell drängen sich da schon andere dazwischen: die Freunde, die Gleichaltrigen und: natürlich die Medien. Aber da kommen auch noch der Sport oder die Musik, die im Leben unserer Kinder auch eine große Rolle spielen. Die Hauptrolle ist also nicht ausschließlich mit Medien besetzt, doch sind sie ein wesentlicher Begleiter durch die Kindheit. Von Anfang an werden Kinder mit Medien konfrontiert: ob es das erste kleine Bilderbuch ist, die Hörkassette, das Fernsehen und das Radio, später dann die Videospiele und der Computer und irgendwann kommt auch noch das Internet hinzu. Aber nicht nur die direkten Medien spielen eine Rolle, auch die Vermarktung rund um die in diesen Medien auftauchenden Geschichten und Figuren gewinnt mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Ob es die Zeichentrickfigur auf dem Joghurt ist oder das Pokémon auf der Bettdecke: Die Merchandising-Maschinerie hat die Kleinen schon bald im Griff. Aber sind Kinder wirklich so hilflos den Medien ausgeliefert? Und beeinflussen die Medien wirklich unsere Kinder etwa im Bereich von Werbung, Gewaltdarstellungen oder Weltbildern?

Wie Medien wirken

Zwei Problembereiche liegen diesen Fragen zugrunde: Wie wirken Medien? und Was machen Kinder mit den Medien? Beide sollen im Folgenden aus medienpädagogischer Sicht kurz diskutiert werden. Zur Frage nach der Wirkung von Medien ist man sich heute sowohl in der Medienforschung als auch in der Medienpädagogik einig: die Vorstellung einer kausalen, d.h. einseitigen und direkten Wirkung von Medien sieht man nicht mehr als geeignetes Modell an. Vielmehr spielen vielfältige Faktoren auf Seiten der Medien (z.B. die Bedeutung von Musik, realistische oder unrealistische Darstellung, Realfilm oder Zeichentrickfilm) sowie auf Seiten ihrer Nutzer (z.B. sozialer Hintergrund, kognitive Entwicklung, emotionale Situation) eine Rolle. Beide Seiten - die Medien und deren Nutzer - stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zu einander. Die Medien bieten ein breites Spektrum von Themen, Charakteren und Geschichten, die die Nutzer jedoch nicht einfach übernehmen, sondern interpretieren.

Orientierung und Projektion

Dies führt auch zur Beantwortung des zweiten Problembereichs: Kinder nutzen Medien aus unterschiedlichen Gründen. Medienthemen spielen zum einem in der sozialen Gruppe - den Gleichaltrigen und den Freunden - eine große Rolle. Die Kenntnisse über beliebte Sendungen oder der Besitz von medienbezogenen Sammelkarten können darüber bestimmen, ob man zu einer Gruppe dazu gehören darf oder nicht. Medienthemen werden von Kindern aber auch genutzt, um innere Themen, mit denen sie sich gerade beschäftigen, zu bearbeiten. Sie projizieren ihre Wünsche in Medienfiguren – „der Wrestler sollte mich mal in die Schule begleiten, dann traut sich von den Größeren keiner mehr, mich die Treppe herunter zu schubsen" - oder sie identifizieren sich mit den Figuren - auch einmal genauso stark sein wie Superman oder zaubern können wie Harry Potter. Kinder gehen also aktiv mit Medien um. D.h. sie suchen sich jene Geschichte und Charaktere heraus, die sie zur Bewältigung ihres Alttags benötigen.

Wir sehen Kinder heute in diesem Sinne als aktive Mediennutzer, die sich bewusst oder unbewusst mit dem Medienangebot auseinander setzen. Diese Auseinandersetzung geschieht aufgrund innerer Themen und Entwicklungsaufgaben. Auf der Suche nach der Frage, wer sie sind - ob Junge oder Mädchen, ob groß oder klein - orientieren sich Kinder unter anderem auch an den in den Medien angeboten Figuren. Sie identifizieren sich entweder mit ihnen oder projizieren ihre Themen in die Mediengeschichten. Sie übernehmen aber nicht nur einfach die Medien-Themen, sondern interpretieren sie für sich um. In dieser Hinsicht sind Medien für jene Kinder funktional, die in ihrer direkten Umwelt wenige Möglichkeiten zur Identifikation oder zum Ausleben ihrer Phantasien haben.

Die Hits der Kids

Welche Medien sind für heutige Kinder bedeutsam? Ganz klar ist, dass das Fernsehen im Leben der meisten Kinder eine wichtige Rolle spielt. Zwei Drittel aller 6- bis 13-Jährigen schauen täglich fern und von diesen sind es im Durchschnitt 2 Stunden täglich. Jüngere Kinder im Vorschulalter mögen noch Bilderbücher und Hörkassetten. Aber auch hier besteht die Tendenz, dass die elektronischen Medien immer bedeutsamer bei jüngeren Kindern werden. Dies bezieht sich nicht nur auf das beliebte Fernsehen - nach einer neueren amerikanischen Studie haben schon ein Drittel der 2-jährigen einen eigenen Fernsehapparat -, sondern auch auf Videospiele, Computer und in gewissem Rahmen auf das Internet. Die Nutzungszeiten sind jedoch viel geringer als beim Fernsehen und auch den Hörkassetten. Noch -, denn dies kann sich schon in den nächsten Jahren ändern, denn die zuvor genannten Medien werden auch bei den jüngeren Kindern immer beliebter.

Und was schauen die Kinder im Fernsehen am Liebsten? Jedenfalls nicht das, was in der Öffentlichkeit gerne diskutiert wird: keine brutalen Zeichentrickfilme oder nur Werbung. Kinder mögen auch das, was bei vielen Erwachsenen beliebt ist: Wetten, dass ...?, Familiensendungen, kindgerechte Kinofilme und Sport. Schaut man sich die Liste der beliebtesten Sendungen an, die Kinder sehen, dann tauchen erst auf den hintersten Plätzen japanische Zeichentrickserien oder langweilige Magazinsendungen auf. Immer noch beliebt sind die von Erwachsenen geschätzten und als pädagogisch wertvoll bewerteten Sendungen wie Sendung mit der Maus, Löwenzahn oder die Sesamstraße. Vor allem ältere Kinder mögen aber auch die vielen Informations- und Wissenschaftssendungen, denn da wird ihre Neugierde befriedigt.

Werbekompetenz entwickeln

Und die Werbung? Ist sie nicht außerordentlich beliebt bei Kindern und verführt sie nicht zu unsinnigen Konsum? Kinder mögen Werbung, das stimmt, und sie können oft auch die Werbesprüche auswendig. Dies heißt aber nicht, dass sie in eingeschränkten Umfang und ihrem Altern entsprechend nicht trotzdem werbekompetent wären. Wir gehen in der Medienpädagogik davon aus, dass viele der Kinder im Vorschulalter etwa im Fernsehen Werbung und Programm nicht unterscheiden können. Aber schnell haben sie heraus, dass es bestimmte Merkmale gibt, die ihnen helfen, eine Unterscheidung zu treffen. Dies ist etwa die Lautstärke, die in einem Werbeblock höher erscheint als während des Programms, oder aber die Tatsache, dass Produkte angeboten werden. Aber dies ist mehr ein intuitives Urteil, denn es reicht zur genauen Bestimmung nicht aus.

Mit dem Älterwerden kommen andere Kriterien hinzu, wie etwa die Ausblendung des Senderlogos während eines Werbeblocks. Erst wenn Kinder wissen, wie Werbung gemacht wird und welche Absichten sie verfolgt, können wir davon ausgehen, dass sie so etwas wie Werbekompetenz besitzen. Oftmals meint man, dass ältere Kinder diese schon entwickelt haben, wenn sie Absichten der Werbung - für eine Produkt zu werben, auf das man es erwirbt - zu erkennen glauben, diese jedoch nicht auf sich selbst, sondern nur auf andere beziehen. Es wird aber auch für Kinder immer schwieriger, Werbung zu durchschauen, denn sie ändert ständig ihre Präsentationsart. Spotwerbung ist relativ einfach zu erkennen; schwierig wird es jedoch, wenn keine Produkte gezeigt werden, sondern - wie immer häufiger - nur ein bestimmtes Lebensgefühl. Oder in einer Spielsendung die Gewinne von ausgewählten Firmen präsentiert werden, die so für ihre Produkte Werbung machen. Gänzlich undurchschaubar wird es für Kinder im Internet. Sie können kaum Inhalte von Werbebanner unterscheiden und klicken letztere besonders häufig an, da sie diese für interessante Angebote halten. Halten wir also fest: Werbung macht es den Kindern nicht einfach, diese als solche zu erkennen. Vor allem wenn sie mit Inhalten stark vermischt wird oder sich kaum noch direkt auf Produkte beziehen.

Kommerzialisierter Medienalltag

Aber nicht nur die Werbung hat Einfluss auf die Wünsche und das Konsumverhalten der Kinder, sondern auch ihre soziale Umgebung. Dazu gehören die Eltern, vor allem älteren Geschwister, die Freunde sowie die Gleichaltrigen aus der Schule. Vor allem Letztere gewinnen mit zunehmenden Alter an Bedeutung, bestimmen sie doch, welche Themen ‚in’ sind, was man kennen und haben muss. Sind ältere Geschwister da, sind sie der Orientierungspunkt für die Medienthemen. Sehr häufig ‚vererben’ sie ihre Spielsachen, Medienfiguren, Sammelkarten und Geräte an die jüngeren Geschwister. Häufig entsteht ein richtiger Zwang in den Kindergruppen, bestimmte Themen mitzumachen. Ob dies die Pokémon-Figuren sind, die regelmäßigen Fernsehsendungen zu Dragonball Z oder die Sammelkarten zu Yu-Gi-Oh. Nicht alle Kinder können sich diesem Druck entziehen, und so geben sie einen großen Teil ihres Taschengeldes dafür aus. Hinzu kommt, dass diese Themen häufig wechseln und man schon bald wieder etwas Anderes besitzen oder kennen muss. Diese Kommerzialisierung von Medienthemen und der kindlichen Lebenswelt ist ein zunehmender Trend, der medienpädagogische Aufmerksamkeit verlangt.

Auszug des Originalartikels von Prof. Dr.Stefan Aufenamger. Lesen Sie weiter im Heft: „EINFACH ANFANGEN" unter "Kinder mögen Medien - Medien mögen Kinder"