Entdecke die Vielfalt
Kinderfilmarbeit in Deutschland
Gute Filme sind Kunstwerke, die Kindern aufregende neue Erfahrungen und Anregungen ermöglichen. Deshalb bemühen sich Festivals, Verleiher und Medienzentralen, eine breite Auswahl mit vielfältigen Filmen – auch jenseits kommerzieller Kinostrukturen – zu präsentieren, verfügbar zu machen, darüber zu informieren. Filmarbeit bedeutet für die pädagogische Praxis aber auch, zielgruppenscharf Gemeinschaftserlebnisse zu ermöglichen wie auch Medienkompetenz zu fördern. Mit ausgewählten Filmen lassen sich zudem die thematische Arbeit vertiefen oder Gespräche und Spielaktionen anregen.
Von Christian Exner
Das Freizeitprogramm für Kinder ist wieder um ein Kulturangebot reicher geworden. Durch die Vervielfachung der Kinoleinwände mit Großbauten, die auf X enden (Multiplex, CinemaxX) steht der Kinder- und Familienfilm wieder ganz oben auf dem Freizeitplan, wenn es heißt: "In den Zoo, ins Schwimmbad oder ins Kino?" Auch das Bewusstsein hat sich gewandelt. Kinos sind nicht mehr die schmuddeligen Überbleibsel aus einer Zeit bevor die Glotze aufkam. Im Gegenteil: Kinderfilm ist in Deutschland wieder ein Geschäftsfaktor. Kästner-Klassiker und Bibbi Blocksberg waren Spitzenreiter in den Kinocharts. Zusammen mit Der kleine Eisbär von Thilo Rothkirch und Piet de Rycker und die Paul Maar Kinderbuchverfilmung Das Sams in der Regie von Ben Verbong stehen sie für einen neues Erfolgsrezept und einen neuen Trend. Nach den Beziehungskomödien scheint der Kinderfilm die Goldader der deutschen Filmwirtschaft zu sein.
Man nimmt nicht mehr einfach nur, was gerade im Fernsehen kommt. Das Kino ist wieder attraktiv. Die medienpädagogische Szene predigt es schon lange. Das Gemeinschaftserlebnis und die bestmögliche Präsentations-Qualität haben ihren kulturellen Wert. Kinofilme setzen in Ästhetik, Dramaturgie und Produktionswert höhere Ansprüche als simpel konfektionierte TV-Dutzendware. Die Sinne sind sowieso im dunklen Vorführraum vor großer Leinwand viel aufgeschlossener als beim flüchtigen Konsum zwischen Hausaufgaben und Abendbrot. Man könnte also rundum zufrieden sein. Im Kino unterhaltsame 90 Minuten erleben mit fettem Sound, mit vielen anderen Kindern, in der einen Hand das Popcorn, in der anderen ein kühles Getränk und dann die neuesten Werke in bester Optik - das ist doch ein Erlebnis! Und die Filme haben es in sich. Der Harry Potter-Zyklus beschert Jahr für Jahr um die Weihnachtszeit öffentliche Großereignisse wie man sie sonst nur von Fußballweltmeisterschaften kennt.
Kino XXL – geht noch was?
Ist das Kinderkino nun an einer optimalen Stufe seiner Entfaltung angelangt? Gerade der Erfolg sollte Grund sein, neue Ziele abzustecken und den Status Quo kritisch zu beleuchten. Denn wirklich engagierten Kinderkinobetreibern schwebte etwas anderes vor. Es gibt da eine Strömung unter der Oberfläche der Kinderkino-Renaissance. Seit den 70er Jahren existiert im Stillen eine Kinderfilmszene, die eigene Organisationsformen, eine eigene kulturelle und pädagogische Philosophie und ein eigenes Film-Repertoire pflegt. Diese Szene verstärkt wahrzunehmen und öffentlich zu fördern, wäre ein Garant für einen dauerhaften Erfolg.
Wer hätte das vor 25 Jahren gedacht! Millionen strömen in die neuesten deutschen Kinderfilme. Utopisch. Vom Kinosterben war damals die Rede - der Kinderfilm im Kino fast ganz verschwunden. Doch so wie ein legendäres Comic-Dorf in Gallien dem römischen Imperium sein kreatives Chaos entgegensetzte, formierte sich in Jugendzentren, kommunalen Kinos, Bibliotheken und Museen eine neue Szene. Eine kleine aber engagierte Schar von Idealisten mit ihren ganz eigenen Ideen vom Kino ohne Kommerz. Eine pädagogisch abgesicherte Auswahl von 16mm- Filmen, Eintrittsgelder auf Groschenniveau und eine liebevolle Betreuung machten dieses Angebot aus. Kinderfilm und Kinderkino waren eine saubere Alternative zu einer von Nepp und Oberflächlichkeit durchseuchten Unterhaltungsbranche.
Kinderkino hatte einen Nimbus wie ökologisch angebautes Gemüse. Unbedenklich, erzieherisch gehaltvoll, bisweilen ein wenig wurmstichig mit seiner Improvisation, aber dafür frei von verzuckerten Unterhaltungs-Rückständen und auf alle Fälle kulturell so erhaben wie gute Literatur. Der Gipfel medienpädagogischer Kinderfilmarbeit war die nachbereitende Begleitaktion, mit der man sich vergewisserte, dass die "Klientel" die richtigen Vorbilder mit nach Hause nahm. Kinderfilm sollte die Welt erschließen, Nachbereitungsaktionen sollten die Message des Films mit einem Mehrwert multiplizieren: Ein Mehr an Kenntnis der Filmgestaltung, ein Mehr an bewusster Aufnahme von Filmbotschaften, ein Mehr an Orientierung in Medien- und Realwelten.
Pädagogischer Kreativ-Pool
Besondere Erlebnisintensität und geschärfte Wahrnehmung – darum geht es im medienpädagogisch aufbereiteten Kino. Die nichtgewerbliche Filmarbeit hatte auch den Anspruch, eine Schule des Sehens zu sein, die einerseits bei Filminhalten ansetzte und andererseits Einblicke in die Wirkung filmkünstlerischer Mittel schaffte. Und das auf einem Verständnisniveau von Kindern, aufbereitet mit vielfältigen Methoden, die alle Sinne ansprechen und das beim Filmeschauen Erlebte spielerisch vertiefen.
Medienzentren wie der Kölner Jugendfilmclub (heute JFC Medienzentrum Köln) entwickelten eine große Kreativität in der Ausarbeitung von Begleitaktionen zum Film. Die Nachfrage nach qualitätsvollen Filmen in Kombination mit pädagogischen Materialien war so groß, dass es sich lohnte, für die Filmerziehung in der Jugendfreizeitarbeit ein eigenes Zentrum zu unterhalten. Dort wurde der Umlauf von Filmkopien für 60 Einrichtungen organisiert, dort konnte ein Servicepaket von Programmberatung, medienpädagogischer Konzeption, pädagogischen Materialien und ein riesiger Fundus kreativer Begleitaktionen abgerufen werden. Das Filmring-Modell hat das Aufkommen neuer Medien nicht überlebt, geblieben ist ein methodischer Erfahrungsschatz, von dem die schulische Filmerziehung noch zu wenig profitiert.
Für die Filmerziehung gibt es viele Möglichkeiten. Die einfachste und naheliegendste ist ein Filmgespräch anzubieten. Kino spielt sich aber in einer Sphäre von Freizeitvergnügen, Unterhaltung und Phantasiewelten ab. Wer diese Sphäre mit dröger Belehrung durchbricht, schafft kein positives Lernklima. Medienpädagogische Ansätze der Filmerziehung haben dies berücksichtigt. Sie hatten auch gar keine andere Wahl, denn die Erziehung im Kinderkino beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Bisher findet Filmerziehung eher in Kindergärten, Bibliotheken und vor allem Jugendfreizeitstätten statt unter der Prämisse: Macht es keinen Spaß, dann kommt keiner. So reicht das methodische Repertoire – nach Altergruppen differenziert - für die " kindgerechte Aufbereitung" von Filmen von Ratespielen über Bewegungsspiele und filmkünstlerische Fingerübungen bis hin zum Malen und Basteln. Selbst die geschmähte Filmdiskussion kann ihren Reiz haben, wenn man attraktive Gesprächspartner ins Kino einlädt.
Andererseits gibt es ein breites Feld an Bildungs- und Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen, in dem Filme als Anreiz zur Auseinandersetzung mit einem Thema gefragt sind. Die Spaß-
Prämisse bekommt hier eine andere Perspektive. Statt einer nüchternen Diskussion zu einem speziellen Thema besorgt man sich einen attraktiven Film. Drogenabhängigkeit, Gewalt in der Schule, Radikalismus, Rassismus, Liebe und Sex – zu fast jedem Thema gibt es einen passenden Film, der die Bildungsarbeit in diesem Fall an Erlebnisqualität und Anschaulichkeit bereichert.
Mitlaufende Erziehung
Doch Filme müssen keineswegs immer extra erklärt oder gar "aufbereitet" werden. Überhaupt schon die Sprache vieler Pädagogen! Wer ständig von "Filmarbeit" und einer "Nachbereitung" spricht, die begrifflich nach "Wiederaufbereitung von atomaren Brennstoffen" klingt, der kann doch nicht wirklich Sinnenfreude meinen. Unterhaltung und neue Erfahrungen, die Kinder durch pure Schaulust bekommen - reicht das denn nicht aus? Allein schon ein Medienerlebnis mit möglichst viel Kino-Atmosphäre und guter Projektion zu schaffen ist eine große pädagogische und kulturelle Aufgabe, die viel Kenntnis, Feingefühl und Organisationsaufwand erfordert. Jürgen Bathelmes brachte das professionelle Profil dafür in seinen "Thesen zum Kinderkino" auf die Formel "Filme Einlegen und Auslegen". Aber "Nachbereitung" - muss das wirklich sein? Barthelmes verneint dies eher, auch wenn die Pädagogen in seiner Konzeption für das fachkundige "Auslegen" präpariert sind,doch mehr bei der VOR-Bereitung des Programms und der filmanalytischen Auswahl von Qualitätsfilmen als NACH der Vorführung, wenn eine Filmdiskussion als Nötigung empfunden wird.
Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass gerade die medienpädagogische Szene in Theorie und Praxis Expertisen entwickelt hat, die manchen Filmkritikern und Autoren als Pflichtlektüre verordnet werden sollte. Hinter den magischen 4 Punkten Identifikation, Kognition, Ästhetik und Modell-Lernen verbergen sich theoretische Grundlagen, die das komplexe Geflecht von Wunschbildern und Vorbildern, von der Wirksamkeit oder Unwirksamkeit filmischer Inhalte erhellen.1 Film kann die Phantasie beflügeln und die Urteilskraft stärken. Wie diese Kräfte wirksam werden, das hängt sehr von den Identifikationsfiguren und Handlungsmustern ab.
Das Kinderkino hat ebenso wie das Erwachsenenkino seine Helden. Pädagogisch relevant ist die Frage, welche Haltung sie vermitteln. Eignen sie sich als Projektionsflächen für eigene Träume oder setzen sie Maßstäbe für eigene Standpunkte. Zwischen Wunschbildern und Vorbildern changiert die Wahrnehmung. In der richtigen Balance von Bestätigung der Selbstbilder einerseits und der Orientierung an Weltbildern andererseits liegt das Geheimnis der mitlaufenden Erziehung in der Filmkunst.
Filme sind symptomatisch für Einstellungen und Vorstellungen, die in einer Gesellschaft herrschen. Zugleich formen sie diese mit. Man kann kaum besser Verständnis für das Leben in fremden Kulturen wecken, als durch Filme aus fernen Ländern. Vorausgesetzt sie sind nicht für eine weltweite Vermarktung als Unterhaltungsmedien soziokulturell glatt gebügelt.
Auf Themen wie Arbeitslosigkeit, von der Kinder mittelbar betroffen sind, oder etwa die Identitätsfindung homosexueller Jugendlicher, wird man wahrscheinlich noch lange warten müssen. Das Kino kennt nur das Schema von Romeo und Julia. Der Urknall des schwedischen Coming-Out-Films Fucking Åmal ist nicht bis zu uns durchgedrungen. Wie steht es mit Wunschbildern und Vorbildern, wenn sie keine neuen Lebensentwürfe wagen, wenn sie nicht zu aktuellen Problemen Stellung beziehen oder wenn nicht einmal die Wirklichkeit stimmig abgebildet wird? Die Wahrheit der Gefühle und die Schönheit der Träume, dazu eine gute Portion Realismus - das braucht es immer wieder, um den Vorrat filmischer Erzählungen aufzufrischen. .
Maßanfertigung und Vielfalt
Filmautoren und Filmproduzenten geben mit ihren Werken vieles vor. Die Pädagogik kann ihren Teil dazu beitragen, dass schiefe oder oberflächliche Weltbilder sich nicht im Bewusstsein einbrennen und die Wahrnehmung von Filmbotschaften in den Erfahrungszusammenhang von Kindern und Jugendlichen sinnvoll eingebettet wird. Pädagogik kann korrigieren und ergänzen. Im Idealfall hat sie es mit sehr differenzierten Filmen zu tun, die mit ihrer Dramaturgie existenzielle Konflikte aufgreifen, interessante Themen in den Fokus rücken und den Schatz an kollektiver Erfahrung durch ihre Symbolwelten bereichern. Es gibt diese Filme. Letztlich braucht es Förderung auf allen Ebenen, von der Produktion über Vertrieb bis eben hin zu jener Rezeptionsebene, die bisher das primäre Betätigungsfeld der Medienpädagogik ist.
Alle Vierteljahre ein satter Genre-Blockbuster für die Kleinen. Gut und schön. Wer sich auf Festivals umtut, der weiß, dass da noch viel mehr drin wäre. International entstehen mehr qualitätsvolle Kinderfilme als man in den Kinos zu sehen bekommt. Muss es denn immer Zeichentrick - muss es immer Disney sein, wo es speziell in den skandinavischen Ländern Finnland, Norwegen und allen voran Schweden eine große Fülle an dramaturgischer Maßschneiderung für Kinder gibt? Film als Wirtschaftsgut ist ein heikles Objekt. Wer Kinderfilme vermarkten will, darf den Flop noch weniger fürchten, als ein Filmkunst-Spartenverleiher, der gegen die geballte Power von Hollywood wie David vor Goliath tritt. Zuerst heißt es für das Publikum, sich auf Neues einzulassen und die Vielfalt schätzen zu lernen.
Aus diesem Grund wurde das Kinderkino lange Zeit fast allein durch eine nichtgewerbliche Vertriebsstruktur mit Filmen versorgt, deren besonderes Anliegen es war, für Reichhaltigkeit zu sorgen und inhaltlich wie ästhetisch ein Anspruchsniveau zu garantieren. Noch heute erfüllt sie in speziellen Nischen ihren Zweck. Aus Gründen einer defizitären Infrastruktur auf dem Lande oder aus sozio-ökonomischen Gründen in Regionen mit "besonderem Entwicklungsbedarf". Auch in Bildungskontexten, wenn es etwa um eine gezielte Veranschaulichung pädagogischer, politischer oder kultureller Inhalte geht.
Arg ins Strudeln geriet diese Szene durch das Aufkommen von Video. Seit sich Bildungseinrichtungen, Freizeitstätten und Kulturträger frank und frei im Videoverleih für den Hausgebrauch bedienten und den Filmabend auf den TV-Schirm verlegten, kamen die Medienanbieter des nichtgewerblichen 16mm- Sektors ins Hintertreffen. Lizenzverstoß hin, optische Unzulänglichkeit her - der schnelle Griff zur erstbesten Kassette war gang und gäbe bis die DVD kam. Ein Medium, das einfach zu bedienen ist, in Optik und Ton brillant. Außerdem liefert sie Bonusmaterial als Teil der Wissensvermittlung von vornherein mit. Eine Herausforderung für neue technisierte Formen der didaktischen Aufbereitung. Doch: Gute Projektoren kosten ein Vermögen und so verläuft die Passage von schlecht gewarteten 16mm Projektoren hin zu lichtstarken Beamern immer noch durch ein Nadelöhr.
Netze und Leuchttürme
Doch David war gegen Goliath am Ende erfolgreich. Das Potenzial kulturell und medienpädagogisch ambitionierter Filmarbeit ist zwar klein, hat es aber in sich. Manchmal sogar in der Reichweite, um die es wirtschaftlich immer geht. Denn durch die längere Laufzeit im Repertoire kommen Dauerbrenner, wie Flußfahrt mit Huhn vom Kinderfilmspezialisten Arend Agthe auf recht beachtliche Zuschauerzahlen. Wie sonst wäre es auch möglich, dass aller Orten Kinderfilmfestivals entstehen. Neben den internationalen Highlights, wie dem Kinderfilmfest bei der BERLINALE und LUCAS in Frankfurt, das als Biennale alternierend zum nationalen Festival für Kinderfilm und Kinderfernsehen GOLDENER in Erfurt und Gera stattfindet, oder dem traditionsreichen Kinderfilmfesten- und Sektionen z.B. in München, Lübeck, Chemnitz, Augsburg oder seit neuestem auch in Hamburg mit ihren internationalen Wettbewerbsprogrammen. In deren Windschatten folgen regionale und lokale Festivals, die mit einer großen Bandbreite an Filmneuerscheinungen und pädagogischen Rahmenprogrammen genau das liefern, was in den Großkinos noch keine Heimat hat: ein facettenreiches Repertoire und eine kindgerechte Aufbereitung des Programms.
Als Beispiel sei das Kölner Kinderfilmfest CINEPÄNZ genannt, das jährlich zur Harry Potter-Prime Time ein cineastisches Programm besonderer Güte auf die Beine stellt. Neben einem Wettbewerb mit Kölner Premieren und einer Themenreihe zählen eine umfangreiches Rahmenprogramm mit Gästen im Kino, thematischen Filmworkshops, Film- und Produktionsseminaren. Dazu die Filmfestzeitung Kriki-online.de von Kindern2 und der Besuch eines professionellen Trickfilmstudios, verbunden mit eigenen Fingerübungen..
CINEPÄNZ ist landesweit im Netzwerk Kinderfilmfeste NRW organisiert, das die berühmten Synergien nutzt, um gemeinsame Aktionen und Förderungskonzepte zu entwickeln und in den Fachaustausch unter Kollegen zu treten. Dadurch entsteht eine Nähe zum KINDERKINOFEST DÜSSELDORF oder den KINDERFILMTAGEN IM RUHRGEBIET, die sich mit ihrer Publikumsresonanz wirklich sehen lassen können. Auch die Standorte in den Outbacks sind aktiv mit dabei: Sei es Münster, Bielefeld oder Krefeld - flächendeckend und für viele NRW-Kinder in erreichbarer Nähe gibt es in der zweiten Jahreshälfte cineastische Highlights. Das Prinzip der Vernetzung haben auch andere Festivals bundesweit erkannt und rücken näher zusammen. Sei es aus dem puren Sachzwang, dass man sich lieber Filmtransporte teilt, statt sich ein Programm abspenstig zu machen oder auch aus dem Bedürfnis heraus Konzepte abzustimmen, Erfahrungen auszutauschen und inhaltlich Neuland zu betreten. Eins ist klar: Das Engagement der Kinderfilmfestveranstalter geht weit über das hinaus, was ein Kinobetreiber, Lehrer, Kultur- oder Jugendarbeiter im Alltagsbetrieb leisten könnte. Die totale Verausgabung bei Personal- und Finanzknappheit hat Prinzip. Fast jeder organisatorische Durchgang ist ein Parforce-Ritt entlang von Sponsoring, wirksamer PR, permanenter Lobbyarbeit, Filmrecherche und den tausend wichtigen Details einer öffentlichen Veranstaltung.
Medienkompetenz ist in aller Munde. Doch die Aktivposten dieses Bildungskonzepts geraten schnell ins Hintertreffen beim bildungspolitischen Run auf alles, was mit Bits und Bytes zu tun hat. Wirklich kritisch wird es, wenn die Leuchttürme in der Kinderkulturlandschaft einbrechen. Das LUCAS-Festival in Frankfurt - einst international eines der interessantesten in seiner Experimentierfreudigkeit, seiner familiären Atmosphäre und seiner Ausrichtung auf Grenzbereiche des Kinderfilms - hat in den vergangenen Jahren mehr durch seine Finanzkrisen, als durch ein profiliertes Programm von sich Reden gemacht. Dabei kann LUCAS auf lange Sicht eine beeindruckende Bilanz aufweisen. 53 % der Filme, die dort liefen, gelangten im Lauf der Zeit in Deutschland auf die Leinwand oder den TV-Schirm. Damit übernimmt es eine wichtige Schleusenfunktion für den Zugang zu internationalen Produktionen.
Kino macht Schule
Das wieder aufkommende Bewusstsein für Filmwissen als Teil der vielbeschworenen Medienkompetenz3 führt zu einer verstärkten Verankerung in Leerplänen und Schulprojekten. Die Erfahrungen der medienpädagogischen Filmarbeit sind da als Basis unverzichtbar.
Das in Köln ansässige INSTITUT FÜR KINO UND FILMKULTUR leistet viel dafür, dass Filmerziehung als Teil der Medienkompetenzvermittlung wieder eine Lobby bekam und adäquate Filmveranstaltungen für Schulen in einem wachsenden Netzwerk flächendeckend angeboten werden. Die Konzepte, die es dabei umsetzt sind nicht neu. Auch vor dem Institut für Kino und Filmkultur, das der Bundeszentrale für politische Bildung nahe steht, gab es z.B. schon ein KJF, FWU, JFF und MPZ4. Gerade letzteres lieferte durch seine Begleithefte zum Kinderfilmfest im Land Brandenburg didaktisches Material von höchster Qualität. Innovativ sind auch die Medienveröffentlichungen des BJF und von Matthias-Film, die das Medium DVD zur edukativen Aufbereitung nutzen.
Auf die Initiative das Instituts für Kino und Filmkultur.5 hin fand im Frühjahr 2003 ein internationaler und hochkarätig besetzter Kongress zur Filmerziehung in der Schule statt. Der internationale Vergleich zeigte, wie rückständig Deutschland auch in diesem Bereich der Bildungspolitik ist und wieviel man von den europäischen Nachbarn noch lernen kann.
Das Internet hat die Möglichkeiten zur Information und Orientierung im Medienangebot erhöht. Es gibt viel mehr Filme, als Kinder schauen können und zu viele Veröffentlichungen, die den Eintritt nicht wert sind. Außerdem gibt es ein großes Bedürfnis nach medienpädagogischer Orientierung bei Eltern und pädagogisch Verantwortlichen. Welcher Film ist in welchem Alter gut für meine Kinder und wo bekommt man ihn? Diese und andere Fragen greifen Internetseiten, wie Kinderfilm-Online.de, das Fachforum sowohl für Fachleute als auch Normalkinogänger oder top-videonews.de, das in seiner Form einzigartige Internetmagazin für Video und DVD-Veröffentlichungen für Kinder und Jugendliche, auf.
Es gibt im Kinderfilm noch viel zu entdecken - im Internet erfährt man, was es sein könnte.
Christian Exner, wissenschaftlich pädagogischer Mitarbeiter im Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (private Spielwiese im Netz:
www.filmlotse.de)
Anmerkungen
1. Auf den Punkt gebracht von Horst Schäfer im Lexikon des Kinder- und Jugendfilms in seinem Beitrag "Identifikation und Akzeptanz - Eignungskriterien für die medienpädagogische Filmarbeit mit Kindern.
2. Kriki-Online.de - - im Rahmen des Festivals als Filmfestzeitung im Netz konzipiert und erprobt - ist inzwischen eine stetige Kinder-Redaktion, die kontinuierlich Kinofilme kritisch unter die Lupe nimmt.
3.. Medienkompetenz steht meines Erachtens für einen aktiven Prozess der Aneignung von Medien. Damit sind alle Ebenen gemeint, die Prof. Dr. Dieter Baacke als medienpädagogischer Vordenker und Schöpfer des Begriffs kommunikativer Kompetenz beschrieb. Die Aneignung der Verständnis- und Verständigungsmittel, Systemübersicht und die Fähigkeit zu ethischer Bewertung.
4.. KJF - Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland, Remscheid, nationales Zentrum für Kinderfilm und medienpädagogisches Institut mit bundesweiten Projekten. Vertreibt Kinder- und Jugendfilme, www.kjf.de
5. IKF – Institut für Kino und Filmkultur,
www.filmkultur.de, www.lernort-kino.de