Streetart in Berlin
(Revaler Strasse, Friedrichshain) von Tabea Huth, 2006 1
Freiräume für die
Gestaltung von Geschlechterrollen im Medienzeitalter
Von Gerda Sieben
Geschlechterrollen sind heute im Wandel,
gerade in unserer multikulturellen Medienwelt. Als Spiegel und
Probebühne für unsere Träume und Ideen sozialisieren Medien nicht nur, sondern entfalten
auch eine emanzipatorische Kraft. So verkünden umstrittene Formate wie
Castingshows und Lifestyle-Doku-Soaps Doppelbotschaften im Hinblick auf die Geschlechterinszenierung.
Ausgehend von der Debatte um die Definition von Geschlecht u.a. auf dem
Hintergrund der Gender Studies zeigt der Beitrag auf, wie beim „Doing Gender“ heute
mediales und nicht mediales Handeln miteinander verwoben sind. Dieser Prozess macht
eine Medienarbeit erforderlich, die junge Leute dabei unterstützt,
Lebensmöglichkeiten ohne Einschränkung auf Geschlechterklischees zu gestalten.
„Kill your gender“, lautet der Appell eines Street-Art Graffitis in
Berlin. Dieser Appell möchte wohl weniger zur sexuellen Enthaltsamkeit aufrufen
als dazu, Geschlechterrollen zu eliminieren. Der angelsächsische Ausdruck
„Gender“ meint das soziale Geschlecht, im Gegensatz zu Sex, dem biologischen
Geschlecht. Diese feine Unterscheidung, für die im Deutschen das passende Wort
fehlt, verweist auf die Tatsache, dass nicht nur die Chromosomen definieren,
was männlich und weiblich ist, sondern wir individuell und lebenslang
Geschlechterrollen zugewiesen bekommen, sie immer wieder neu füllen und
vielleicht auch neu erfinden.
Geschlecht,
diese in der Alltagswahrnehmung so selbstverständliche, an biologischen
Merkmalen festgemachte Eigenschaft, ist als soziale Konstruktion schwer
beobachtbar.
An
drei „Knackpunkten“ lässt sich diese Selbstverständlichkeit hinterfragen:
Männliche und weibliche
Rollenmuster, Verhaltens-, Sprech- und Denkformen als kulturell und historisch
geprägt und damit als wandelbar zu sehen, ist noch nicht lange
selbstverständlich. In den 1930er Jahren hat die Ethnologin Margret Mead kinderpflegende Männer und
kriegerische Frauen in Gesellschaften auf Neuguinea beobachtet und damit
Verhaltensalternativen (zum Glück bei weit entfernten Kulturen...) zum
westlichen Rollenverständnis beschrieben: Die These von der kulturellen
Verfasstheit der Geschlechterrollen ist von ihr so erstmals empirisch belegt
worden.
„Gender Studies“, heute ein
wichtiger Forschungszweig der Soziologie v.a. im angelsächsischen Raum, und
„Kulturvergleichende Studien“ haben auch heute eine große Nähe zueinander. Doch
zeigt sich, dass jenseits folkloristischer Unterschiede Rollenmuster, Normen
und Verhaltenserwartungen in allen Kulturen auch den Zugang zu Macht und
Partizipationschancen von Männern und Frauen regeln.
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“3, so brachte Simone
de Beauvoir diesen Zusammenhang auf den Punkt. Sie blieb dabei nicht bei
der Beschreibung, sondern formulierte Kritik an der sozialen Unterdrückung der
Frauen, ihren Ausschluss von gesellschaftlichen Möglichkeiten durch offene und
subtile Prozesse weiblicher Sozialisation.
Das Gleichheitspostulat
demokratischer Gesellschaften half, Lebenschancen von Männern und Frauen auf
Zugänglichkeit und Ausschlüsse hin zu überprüfen und Begründungsmuster für die
Ausformung von Geschlechterrollen mit „gottgegebenen“ Unterschieden in Frage zu
stellen. Dies tat z.B. die neue Frauenbewegung seit Anfang der 1970er Jahre
zunächst in aller Deutlichkeit, verlor aber an Stringenz als einige
Feministinnen begannen, Weiblichkeit als ein inneres Desiderat mit einem
besonderen Zugang zur Welt, zu Emotionen, Wissenschaft und Spiritualität zu
definieren. Weiblichkeit wurde — ähnlich wie es auch mit der Zugehörigkeit zu
einer diskriminierten ‚race’ in antirassistischen Bewegungen geschah — als
positives Merkmal der Unterscheidung betont und bewusst inszeniert. In dieser
Phase wurde Weiblichkeit erstmals von der Seite der Stärken und nicht der
Defizite her untersucht und ausgeformt. Das Problem dabei: Weiblichkeit blieb
ein an biologische Unterschiede gebundenes, scheinbar natürliches Merkmal, wenn
auch diesmal als Gegenstand einer positiven (Selbst–)Diskriminierung. Dieser
Gedanke spielte auch in den damals entstehenden Ansätzen der Mädchenarbeit eine
Rolle und wird heute im Bereich der Jungenarbeit teilweise nachgeholt.
Geschlechtsspezifische
Denkansätze und pädagogische Methoden, auch wenn sie „Stärken stärken“ wollen,
können eine Nähe zu Argumentationsmustern haben, die Geschlechterrollen mit
„Natürlichkeit“ begründen und bestimmte Eigenschaften für die jeweils männliche
oder weibliche Rollenpalette in Anspruch. Oft ungewollt werden diese Ansätze
durch die Ergebnisse der Neurobiologie und –psychologie sowie der Genetik
unterstützt. Es vergeht kaum eine Woche, in der Forschende nicht behaupten,
endlich biologisch nachweisen zu können, „warum
Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können“.4 Die
Schwierigkeit, Ergebnis und Ursache von Sozialisation zu trennen, bleibt eine
Herausforderung und eine Quelle für unreflektierte Zuschreibungen und dürftig
modernisierte Klischees.
Geschlechterrollen sind im
Wandel. Mode und Lebensstile zeigen heute zugleich neben extremer Polarisierung
von Männer- und Frauenbildern „Unisex“- Modelle. Erweitert werden Rollenmodelle
auch durch das wachsende Interesse an homosexuellen Beziehungen, wie sie beispielsweise
in vielen TV-Serien inszeniert werden. Hier öffnen sich — trotz vielfach
voyeuristischer Perspektive — weitere Differenzierungen und
Verhaltensalternativen.
Die zunehmende kulturelle
Durchmischung der Gesellschaften dynamisiert diesen Prozess zusätzlich: Kulturelle
Vielfalt bedeutet eben auch eine größere Varianz der Interpretation und Praxis
von Männer- und Frauenrollen. Eine Varianz, zu der es auch gilt Stellung zu
beziehen und die Freiheit der Person gegen Rollenzuschreibungen zu verteidigen.
Eine weitere Grenze, die
immer häufiger überschritten wird, ist der Körper selbst: „Ich bin schwanger und ich bin ein Mann“, titelte die BILDzeitung
vor wenigen Wochen, und berichtete in der ihr gemäßen Weise über die
Schwangerschaft eines transsexuellen Mannes. Eingriffe in den Körper, der ja
bisher die biologische Konstante der Geschlechterdefinition war, werden
normaler und Künstliches wird mehr akzeptiert; ob Nägel, Haare, Hautfarbe,
Piercing, Schönheitsoperation oder Körperstyling durch Training und Anabolika: Das
Objekt oder sollte man sagen, das „Medium“ Körper ist zur Gestaltung
freigegeben. Dies gilt nicht nur für weibliche Körper, deren Unterwerfung unter
Modediktat und Schönheitsterror schon lange diskutiert werden, sondern
zunehmend auch für Männer, die ebenfalls einem wachsenden Druck zur
Körpergestaltung unterliegen. Zugleich können Menschen, die glauben, im
falschen Körper zu stecken, sich heute auch einem materiellen Wandlungsprozess
unterziehen.
Wurde diese Entwicklung lange
vor allem als Abweg und Gefahr für Jugendliche und Kinder (Unterwerfung unter
bestimmte Schönheitsideale, Zeit- und Geldverschwendung,
Gesundheitsgefahren...) diskutiert, so kommen jetzt auch emanzipatorische
Aspekte in den Blick: Der Körper wird nicht als Schicksal hingenommen, sondern
verändert und gestaltet. Wo sich ein solcher Zugriff auf die äußere Welt
bezieht, spricht man gern von emanzipatorischen Chancen — ist der Körper
diesbezüglich tabu?
Die realen Möglichkeiten, Körper zu verändern, beeinflussen
die Praxis aber auch die Debatte um die Definition von Geschlecht. So
formulierte die US-amerikanische Philosophin Judith Butler mit ihrem radikal-konstruktivistischen Ansatz die
Diskussion um Identitätskategorien des Geschlechts, Kategorien von Körper und
Identität neu.
Dies hat Einfluss auf die philosophische, politische und
lebensweltliche Auseinandersetzung mit diesen Begriffen. Mit Bezug auf Arbeiten
von Michel Foucault, Jacques Derrida und Louis Althusser entwarf sie ein
performatives Modell von Geschlecht, in welchem die Kategorien
"männlich" und "weiblich" als Wiederholung von Handlungen
verstanden werden und nicht als natürliche Materialisierungen. Diese werden
eher als Folge der Handlungen verstanden. Dabei
hat sie die Verschränkung von Physischem und Diskursivem, von Subjekt
und Macht am Beispiel der materiellen Formung des Körpers beschrieben.5
Ein Fazit dieser Debatte
könnte verkürzt lauten: Will man gleiche Lebenschancen und sogar Freiräume für
die Gestaltung von Geschlechterrollen erreichen, bedeutet dies immer,
gesellschaftliche Definitionen und Traditionen zu kritisieren, die sich auf
scheinbar unwandelbare, außerhalb der Gesellschaft liegende Konstanten v.a. die
Biologie (oder Gott) berufen.
Heute können wir feststellen,
dass in den westlichen Gesellschaften Rollenmodelle für Männer und Frauen
differenzierter sind und durch weitere Faktoren, wie z.B. ethnische
Zugehörigkeit, Klassen- und Bildungserfahrungen gebrochen werden. Lebens- und
Partizipationschancen zwischen den Mitgliedern einer gesellschaftlichen Schicht
oder Ethnie scheinen dabei ähnlicher zu sein als zwischen Mitgliedern des
gleichen Geschlechts, z.B. Macht – und Herrschaftsbeziehungen zwischen Frauen
unterschiedlicher Ethnien oder Klassen.
Körperkontrolle für Freiheit und
Marktwert
Interessant wird es, wo man konkret, wie es die Beiträge in diesem Band tun, die Veränderungen der medialen Darstellung von Geschlechterrollen und die Mediennutzung für Geschlechterinszenierungen untersucht. Zwar wird immer noch in vielen Medienbeiträgen, etwa im Fernsehen, der (weibliche) Körper begutachtet und in Bezug auf Attraktivität bewertet, doch gleichzeitig geht es in Serien, Castingshows und Ratgebersendungen vermehrt darum, wie der Körper kontrolliert präsentiert und wie er gegenüber spontanen Reaktionen abgehärtet werden kann. Diese internalisierte Kontrolle verspricht mehr Verfügungsgewalt über den Körper und dessen Wirkung, sie geschieht (scheinbar) freiwillig und dient der Darstellbarkeit von Persönlichkeit über körperliche Präsenz und Selbstausdruck. Diese haarscharf an emanzipatorischen Zielen vorbeischlingernden Formen der Disziplinierung geschehen weniger, so scheint es, um dem anderen Geschlecht zu gefallen als um den eigenen Körper zu genießen, sozial anerkannt zu sein und damit arbeiten zu können. Ein schöner, gesunder und gut kontrollierter Körper wird als Voraussetzung für sexuelle Selbstbestimmung dargestellt, dient als Mittel, um aktives eigenes Begehren umsetzen zu können. Die Eigenschaften, die hier ausgebaut und kultiviert werden sollen, erzeugen wie es scheint, eine kraftvolle und gut disziplinierte Authentizität, direkt kompatibel mit modernen Arbeitstugenden.
Die Beziehung zwischen einer neuen, scheinbar freieren Definition von Frauen- und Männerrollen und einer neoliberalen Gesellschaftsordnung wird derzeit medial durchdekliniert. Alle Freiheit, aber auch alle Verantwortung für die zu gestaltenden Rollen, den zu gestaltenden Körper und die zu gestaltende Biografie liegt beim Individuum. Gleichzeitig wird der Einzelne bei dieser Gestaltung intensiv sozial und medial kontrolliert und bewertet.
In ihrem Aufsatz „Post-Feminism“6 weist Rosalind Gill darauf hin, dass nicht etwa universelle Geschlechterrollen transportiert werden, sondern eine viel differenzierte Palette von Eigenschaften, wie etwa der typgerechte Kleidungsstil, individuelles Wohnen, Kochen, Essen, Kindererziehung, Sexualpraxis, Kulturkonsum. Dies wird häufig klassendifferenzierend inszeniert etwa in Doku-Soaps wie Frauentausch, wo unterschiedliche soziale Schichten direkt verglichen werden können. Ebenfalls zur sozialen Abgrenzung dienen Doku-Formate wie Raus aus den Schulden, Supernanny und einige Gesundheitsratgeber, die Schwierigkeiten von Männern und Frauen unterer Schichten thematisieren und zugleich Angehörige anderer Schichten in ihrer privilegierten Sicht stützen.
Eine pädagogische Antwort mit emanzipatorischem Anspruch tut sich mit den angebotenen Doppelbotschaften und der subtilen Form der Vermittlung von Anpassung schwer. Ihr fehlen vor allem Antworten auf die mit tatsächlicher Freiheit und erweitertem Marktwert belohnte Anforderung an umfassende Selbstkontrolle, die janusköpfig auch eine Form der Selbstgestaltung ist.7
Wenn Junge- oder Mädchen-,
Mann- oder Frausein eine ständige Performance („Doing gender“) ist, die alle
Bereiche der Körperkontrolle und Körpergestaltung mit einbezieht, werden für
diese Inszenierung verschiedene Mittel genutzt: z.B. Kleidung, Schminke, vor
allem aber Haltung, Frisur, Bewegung, Stimmlage, Sprechformen, Verhalten etc.
So sind nonverbal, quasi als Subtext, grundsätzliche Aussagen über die
Geschlechtszugehörigkeit einer Person möglich. Zudem lernen wir sehr früh
(schon Dreijährige können Geschlechterzugehörigkeit erkennen...) diese
Inszenierungen bei anderen zu deuten. Wenn sie klar und normgerecht ausfallen,
werden sie als solche nicht mehr bewusst wahrgenommen und helfen, den
unübersichtlichen sozialen Kommunikationsprozess zu strukturieren. In diesem
Rahmen kommunikationsfähig zu sein ist
eine wichtige soziale Kompetenz, die möglicherweise im Lebenslauf immer wieder „nachjustiert“ wird, etwa in der
Pubertät aber auch im Erwachsenenalter, wo Geschlechterrollen mehrfach neue
Bedeutungen bekommen.
Wenn man Judith Butlers These akzeptiert, dass die Realität von Geschlecht v.a. eine soziale Konstruktion ist, die real auch auf den Körper zurückwirkt, muss man feststellen, dass auch gerade die performativen Möglichkeiten der Medien intensiv für die Herstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit genutzt werden. Formung und Inszenierung von Geschlechterrollen finden in erheblichem Maße, vielleicht sogar hauptsächlich mit und in Medien statt. Dabei ist der Körper selbst sowohl gestaltetes Objekt als auch Medium zur Darstellung von Botschaften. So ist es z.B. kaum möglich, eine Person z.B. in einem Film zu zeigen, ohne dass Geschlechtszugehörigkeit dargestellt wird. Vielfach wird beklagt, dass diese Darstellungen holzschnittartig und klischeehaft seien und auf die sich hier Orientierenden einen großen Druck ausübten. Obwohl Medien also vor allem „Normalität“ erzeugen, werden sie als Gefahr für die Heranwachsenden misstrauisch beäugt. Vielleicht, weil wir uns vor dieser Normalität zu Recht fürchten? Medienwirkungsforschung zeigt: Gerade da, wo Medien mit der sozialen Realität übereinstimmen und soziale Erfahrung bestätigen, ist ihre Wirkung nachweisbar. Das bestätigt auch den performativen Charakter sozialer Rollen, nicht zuletzt der Geschlechterrollen. Das bipolare Universum männlicher und weiblicher Inszenierungen kann, so scheint es, kaum verlassen werden und ist vielleicht gerade deshalb so einflussreich.
Andererseits sind es gerade
Medien, die Utopien und Grenzüberschreitungen von Geschlechterrollen zeigen.
Mediale Kommunikation wird zudem zunehmend von den Nutzern selbst erzeugt (Web 2.0).
Im Internet kann erstmals massenhaft anonym, geschlechtsneutral oder geschlechtsüberschreitend
kommuniziert werden. Im Chat kann probiert werden, wie es ist, mit einer
anderen (Gender-)Identität umzugehen. Medien, das ist nichts Neues, sind das klassische Mittel zur Distanzierung, sie sind Spiegel,
Probebühne, Satire und Utopie für unsere Ideen und Wünsche. Darin liegt ihre
aufklärerische und emanzipatorische Kraft, die sie auch und gerade im
Zusammenhang mit der sozialen Definition von Geschlecht entfalten können.
Öffnung der Definitionsräume
Wer kritisch über die
sozialen Bedingungen der Ausformungen von Geschlechterrollen nachdenkt und als
pädagogische Fachkraft täglich mit Jungen und Mädchen umgeht, steht vor der
Herausforderung, sich zu orientieren, Erklärungen für Verhaltensunterschiede zu
hinterfragen, sensibel und gezielt zu fördern. Wer mit Kindern und Jugendlichen
zu tun hat weiß, wie sie Geschlechterrollen zum Teil sehr holzschnittartig
inszenieren, wie intolerant sie gegenüber Abweichlern sein können, wie hoch
Normen für geschlechterspezifisches Verhalten gehängt werden und wie wichtig es
ihnen zu sein scheint, klare Orientierungen zu bekommen. Gesucht werden
sozialpsychologische Modelle, die helfen zu verstehen, wie die Jungen oder die
Mädchen „ticken“, was sie brauchen und wie sie anzusprechen sind.
Und da bleibt es eine
Herausforderung, immer wieder festzustellen: Geschlechterrollen sind im Wandel,
wir haben keine gültige Beschreibung wie ein „richtiger Mann, eine richtige
Frau“ zu sein hat. Es bleibt unbefriedigend zu sehen, dass die Orientierung
eines jungen Menschen auf ein bestimmtes Handlungsrepertoire nicht nur ein
Halt, sondern auch eine Beschränkung ist, dass Verhalten nicht mit dem Hinweis
„Jungen oder Mädchen sind halt so...“
erklärt oder gerechtfertigt werden kann und die individuellen Möglichkeiten der
Person immer durch die Genderperspektive gefiltert werden.
Eine Orientierung am Individuum, dem die Fülle aller Verhaltensmöglichkeiten offen
stehen sollte, vermindert die Polarisierung der Geschlechterrollen.
Jugendkulturszenen wie HipHop, Gothic, Emo oder Punk „verhandeln“ dies in
symbolischer Form, sie experimentieren mit der ironischen Verwendung von
Zitaten aus der Welt polarisierter Geschlechterrollen. Dabei werden Symbole und
Inszenierungen auffallend oft geschlechterübergreifend eingesetzt. Doch
Freiheit macht nur Spaß, wenn sie genutzt werden kann. Offenere
Geschlechterkonzepte brauchen berufliche Perspektiven, Modelle der Lebbarkeit
von zentralen Wünschen wie Partnerschaft, Kinder und Zuversicht in die
Gestaltbarkeit von Zukunft. Ansonsten leiden Jugendlichen zu Recht an der
Uneindeutigkeit und Offenheit von (Geschlechter-) rollen und klammern sich an
Stereotype. So gewinnt etwa die rechte Jugendszene immer mehr junge Frauen mit einem
traditionellen Frauen-/Mutterbild kombiniert mit „weiblichen“ Modellen für
Deutschland politisch aktiv zu werden.
Medien können dem Zugang von Jungen und Mädchen zu allen sozialen Möglichkeiten und vielfältigen Verhaltensalternativen dienen. Auch ohne erwachsene Unterstützung nutzen bereits die meisten Jugendlichen Medien zu diesem Zweck. Die Qualität der Auseinandersetzung kann durch medienpädagogische Unterstützung aber gefördert werden, ebenso wie ein gerechterer Zugang auch solcher Kinder und Jugendlicher, die nicht über alle Ressourcen verfügen.
Ziel medienpädagogischer Unterstützung wäre: Möglichkeiten
schaffen, damit junge Menschen, Träume, Talente und Lebensmöglichkeiten ohne
Einschränkungen auf Geschlechterklischees formulieren und umsetzen. Wir haben
als erwachsene medienpädagogische Fachleute einiges einzubringen: einen
Vorsprung in Sachen Medienkritik und Toleranz und sicherlich oft auch
Lebenserfahrung in Bezug auf die vielfältigen Möglichkeiten, Geschlechterrollen
zu gestalten. „Kill your Gender“ ist darum für
mich ein Appell zur Befreiung.
Gerda Sieben ist Diplom Pädagogin und Kunsttherapeutin;
sie leitet das JFC Medienzentrum Köln.
Anmerkungen
1.
Tabea_Huth*at*web.de GNU-Lizenz für freie Dokumentation
2.
„Das
Konzept des 'Doing Gender' geht insbesondere auf Candace West und Don H.
Zimmerman zurück, die von der Ethnomethodologie beeinflusst sind. Mit dem
Hervorheben des 'Tuns' / 'Machens' von Geschlecht wird das alltägliche (und
zumeist auch wissenschaftliche) Verständnis von Geschlecht als biologisch oder
psychisch stets gegebene 'Tatsache' kritisiert. (...) In ihrem grundlegenden
Aufsatz „Doing Gender“ (1987) verstehen die Autorin und der Autor daher das
Geschlecht nicht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal, das sich
lediglich in Denken, Fühlen und Handeln einer geschlechtsspezifischen Identität
niederschlägt, sondern betonen die aktive Her- und Darstellung des Geschlechts
im Alltag“. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Doing_Gender
3.
deBeauvoir, Simone (2007). Das andere Geschlecht. Sitten und Sexus der Frau.
Hamburg: Rowohlt. S. 334.
4.
So behauptet z.B. die Neuropsychiaterin, Louann Brizendine: mit ihrem Buch:
„Das weibliche Hirn“ neurologisch belegen zu können, warum Frauen anders sind
als Männer. Dabei bleibt die tatsächliche Beziehung zwischen messbarer
neuronaler Aktivität und bewusstem Erleben vage. Vor allem kann nicht geklärt
werden, ob die messbaren Unterschiede neuronaler Hirntätigkeit, anderer
Verteilung von Hirnarealen etc. nun genetisch bedingt oder gerade die Antwort
des überaus flexiblen Gehirns auf unterschiedliche Erfahrungen ist. Unklar
bleibt z.B., ob Frauen nun mehr
Neurotransmitter im Sprachzentrum haben, weil sie zwei X Chromosomen haben,
oder ob Mädchen und Frauen durch ihre soziale Erfahrung ihre Sprachfähigkeit
anders ausbilden. Auch dass Hormone einen Einfluss auf das Denken und Handeln
haben, ist sicher unstrittig, doch ist umgekehrt auch nachgewiesen, dass
soziale Erfahrungen Einfluss auf den jeweiligen Hormonhaushalt haben.
5.
Diese Performativität erzeugt so Butler, durch das wiederholte Zitieren von
Normen materielle Wirkungen. Das geschieht nicht als einzelner, absichtsvoller
Akt, sondern vielmehr als eine sich ständig wiederholende und zitierende
Praxis. Die so durch soziale Praxis erzeugte materielle, körperliche
Wirklichkeit verschleiert gleichzeitig ihre Geschichtlichkeit und ihren Bezug
auf Konvention. Butler kritisiert dabei auch die feministische Forschung. Die
Hervorhebung der Differenz der Geschlechter stehe der feministischen Forderung
nach Gleichheit grundsätzlich entgegen: “Die feministische Kritik muss
einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie
untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des
Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen
Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die
Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit
bereitzustellen.“
6. Butler: Unbehagen der Geschlechter, S. 33.
Gill,
Rosalind (2007). Postfeminist media culture. Elements of a sensibility.
European Journal of Cultural Studies. 10/2: 147-166.
7.
vgl. IBK und IFK Hrsg.: Kultur.Kunst.Arbeit Perspektiven eines neuen Transfers,
Bonn/Essen 2003