Verloren in
künstlichen Paradiesen
Ein Interview mit Dr.
Daniel Salber zur Entwicklung der Jugendkultur
Deutschlands Jugend wähnt sich im Paradies der unbegrenzten
Möglichkeiten, blickt aber zugleich mangels Zukunftsperspektiven in eine
apokalyptische Leere. Auf der Suche nach Orientierung in einer Welt des
Dauerkonsums und Jugendwahns suchen Jugendliche Halt in Gangs oder Cliquen und
flüchten in künstliche mediale Paradiese. Diese beklemmenden Ergebnisse
präsentiert die Studie „Jugend 2007 zwischen Versorgungsparadies und
Zukunftsängsten“, die sich mit der Entwicklung der Jugendkultur und dem
Weltbild Jugendlicher, ihrer Sicht auf Gesellschaft, Erwachsene und Medien
befasst. Die Jugendstudie im Auftrag von Axel Springer Mediahouse
wurde durchgeführt vom Institut Rheingold in Köln, das nach dem Prinzip
der morphologischen Psychologie arbeitet. 26 Mädchen und 14 Jungen zwischen
12 und 17 Jahren wurden in Tiefeninterviews und
Gruppengesprächen ermuntert, mit eigenen Worten alles zu beschreiben, was ihnen
im Zusammenhang mit dem Thema einfällt. Dr. Eva Bürgermeister, Leiterin des
Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland, sprach mit Dr. Daniel Salber, der
gemeinsam mit Stephan Grünewald und Martina Hugger die Projektleitung innehatte.
Eva Bürgermeister: Herr Dr. Salber, wie würden Sie die
heutige Mediengeneration beschreiben? Was ist besonders typisch für sie?
Daniel Salber: Auf der einen Seite erleben Jugendliche heute die Welt als
Schlaraffenland, in der alles zur Verfügung steht. Auf der anderen Seite gibt
es eine apokalyptische Sicht, da die jungen Leute nicht wissen, wie es weiter
geht, und keine Perspektive für sich entwickeln. Sie sehen tausend Wege, aber
keinen, auf dem sie sich einbringen können.
Eva Bürgermeister: Was hat sich denn verändert im
Vergleich zu früheren Generationen? Wie würden Sie diese apokalyptische Sicht
in einer Gesellschaft des Überflusses erklären? Das ist doch ein enormer
Widerspruch.
Daniel Salber: Das ist sogar eine Spaltung und die ist schlimmer als ein Widerspruch,
weil so zwei Welten existieren, die nicht zusammen kommen. Viele Jugendliche erzählen mir von ihren netten Eltern, die ihnen
alles erlauben und ihnen Geld geben für Handys oder Nike-Schuhe. Dieselben
Jugendlichen sagen mir im Interview, ihr Alltag sei ganz grau. Die Welt geht
unter, weil die Klimakatastrophe und ganz viele düstere Dinge auf sie zukommen.
Diese
Weltsicht hat viel mit
gesellschaftlicher Stagnation zu tun. In den 70er Jahren hatten wir noch eine bewegliche
Gesellschaft, es gab einen neuen Aufbruch, man wollte Demokratie wagen, man diskutierte
über den sozialen Wandel. Von diesem Zeitgeist ist nichts mehr spürbar. Ohne
Geschichte, gleichsam ohne Zukunft, leben wir in einem stehenden JETZT. So
leben die Jugendlichen auch: JETZT möglichst alles mitnehmen, was geht! Sie
gucken nicht, wo das Heute herkommt und wo es hingeht. Das ist natürlich auch
gruselig, weil die Zukunft dann so schwarz ist.
Jugendliche stehen
heute vor zu vielen Möglichkeiten, das wirkt psychologisch genauso wie eine Wand,
wie ein Labyrinth.
Eingemauert in Gangs, abgeschottet
durch Medien
Eva Bürgermeister: Keine Geschichte, keine Vision, keine
gesellschaftliche und keine persönliche Perspektive. Vermissen Jugendliche das?
Daniel Salber: Ich glaube, dass
sie ernorm darunter leiden. Deswegen flüchten sie in Spiele und Medien, in das
neue ‚Opium des Volkes’. In dem
Internetspiel Warcraft wird ihnen zum
Beispiel eine Entwicklungsmöglichkeit aufgezeigt, man kann dort als Sergeant aufsteigen
zum Colonel und darf dann hinterher Panzer fahren. Da geht das, was im
wirklichen Leben nicht geht.
Eva Bürgermeister: Ich möchte die Polarität von Individuum
und Gesellschaft noch einmal in den Mittelpunkt rücken. Wie definieren junge
Leute diese Gesellschaft angesichts des Desinteresses für historische
Zusammenhänge und mangelnde Visionen für einen gesellschaftlichen Wandel?
Daniel Salber: Junge Leute bilden sich ihre eigenen Gesellschaften, Gangs und Cliquen,
in denen sie sich einmauern können. Außerdem betrachten sie die Gesellschaft wie
ein riesiges Kaufhaus. Aus dem kann ich mir alles mitnehmen, was ich kann, auch
wenn ich's klau, das steht mir ja irgendwie zu. Ich beute die Gesellschaft
quasi aus, aber irgendwas zurückgeben, mit denen zu tun haben, will ich nicht.
Die Politiker haben bei
ihnen übrigens ein denkbar schlechtes Image: „Die kümmern sich nicht um uns.“ „Die Frau Merkel, die reist doch durch die Welt, die ist doch gar nicht
hier“, wird immer wieder bemerkt. Dabei wäre es für die Politiker gar nicht
so schwer das zu ändern. Es geht nicht um ein anderes großes Programm, die
Jugendlichen wollen Ehrlichkeit und Respekt, Politiker sollten mal in
die Schule gehen, einfach mal mit Jugendlichen reden.
Eva Bürgermeister: In Ihrer Studie haben Sie die „Gangs“
als Zweitfamilie beschrieben, da sich die Kinder trotz
"Dauerbekümmerung" elternlos fühlen. Cliquen und Gangs hat es ja
früher auch schon gegeben. Was hat sich verändert?
Daniel Salber: Gangs bilden sich immer dann, wenn die Eltern ausfallen, wenn Zerfall
stattfindet wie im Krieg oder halt wie heute durch gesellschaftliche
Veränderungen. Diese Cliquen waren nicht so wichtig in den 80er und 90er
Jahren, das waren eher Freundeskreise, in denen die Nacherziehung stattfand. In
den Gangs gibt es im Gegensatz zur multikulturellen
Gesellschaft eine klare Ordnung,
es existiert eine Hierarchie mit Führungspolen, aufgeteilt nach Jungen und
Mädchen. In den Gangs unterscheiden sich Jungen und Mädchen wieder voneinander,
die Mädchen mögen stärker typische Mädchensachen und die Jungen typische Jungensachen.
Diese Aufteilung nach Mädchen und Jungen, die eigentlich längst überwunden ist,
verspricht in der chaotisch erscheinenden Welt eine gewisse Übersichtlichkeit
und Ordnung nach dem alten Stammesprinzip.
Eva Bürgermeister: Was sind denn die Eigenbilder der
Jugendlichen, was gehört aus Sicht eines Mädchens zu einem Mädchen und aus
Sicht eines Jungen zu einem Jungen?
Daniel Salber: Mädchen bezaubern durch glänzende
Star-Auftritte, Jungen beweisen sich als coole „Gangster“. Diese Medien-Muster
üben einen gewissen Druck aus. Mein
Eindruck ist, dass Mädchen offensiver sind als Jungen. Junge Männer haben Angst,
zu versagen. Sie gehen in die Defensive, ziehen sich zurück und spielen dann
Ihre virtuellen Kampfspiele. In der Games-Welt können sie noch ihren
Mann stehen. Das sind Klischees, die wieder aufleben.
Eva Bürgermeister: In ihrer Studie haben Sie die Games-Welt
als einen Fluchtpunkt beschrieben. Wie stark wirken die Medien auf die
Wahrnehmung der alltäglichen Lebenswelt, also auf das direkte Umfeld?
Daniel Salber: Man muss sich von der Vorstellung lösen, dass vor allem die Eltern ihre
Kinder erziehen, das ist ein Bild aus der Gesellschaft des Kaiserreichs. Heute erziehen
Medien und Marken unsere Kinder. Nike steht für ein Lebensmuster, das im ständigen
Leistungsrennen weiterhilft. Handys halten Tag und Nacht die Cliquen in Fühlung.
Jugendzeitschriften kultivieren auf ihren Titelseiten das Schreien – eine
Gebärde, die die Angst vertreibt.
Anschreien gegen die mediale
Reizüberflutung
Eva Bürgermeister: Das „Schreinen“ passt ja genau zum „Rennen“,
Lola rennt?
In den Computerspielen wird ja auch immer gerannt. Alles in Bewegung?
Daniel Salber:. Unsere Gesellschaft läuft wie eine große
Verdrängungsmaschine. Ständig in dieser schreienden Ekstase bleiben, rennen vom
Einen zum Anderen - Schreien und Rennen, aber ohne echte Bewegung. Das Schreien
in den 70ern war zumindest der Versuch, eine Bewegung hinzukriegen.
Die Inflation
der Bilder, die Explosion scheinbarer Kommunikation, die stetige Vernetzung machen
Jugendliche handlungsunfähig! Das wäre
die zentrale Aussage über das Lebensgefühl der Jugendlichen: mediale
Reizüberflutung.
Eva Bürgermeister: Diese ständige Mobilität, das Immer-
beschäftigt- sein, ist ja Teil unseres Lebens geworden.
Daniel Salber: Ja richtig, und da wird Mobilität, da wird Erwachsen-Sein, cooles
Managen demonstriert und zugleich stopft man sich ´was wie eine Baby rein. MP3 ist ein Ohrenschnuller. Dauerbeschallung und
Dauerbefütterung stopfen das Sinn-Loch.
Eva Bürgermeister: Die Überflutung
der Bilder macht der Jugend also
Angst. Und was macht das mit jungen Menschen, wenn der Blick viel einfacher in
die Welt geht - Globalisierung ist das Stichwort.
Daniel Salber: Globalisierung bedeutet psychologisch nicht,
dass wir international werden, sondern dass alle kulturellen Grenzen und Regeln
wegfallen, die der Wirtschaft im Wege stehen. Diese Auflösungen machen
Jugendlichen Angst. Sie gehen durch eine wirre Welt, ohne sie zu verstehen. Da wird in der Tagesschau einfach ein Aggregat unzusammenhängender
Einzelteile serviert. Die Medien schaffen überhaupt kein Verständnis von
irgendwelchen Zusammenhängen.
Eva Bürgermeister: Macht eine Nachrichtensendung für
Jugendliche Sinn, die die Ereignisse anders zusammenpackt?
Daniel Salber: Würden wir Erwachsene das nicht auch gerne
mal haben? Das würden beide brauchen. Bei Jugendsendungen, da fühlen die sich
doch schon wieder wie klein Dööfchen.
Eva Bürgermeister: Nun hat die junge Generation ja auch
ihre Potenziale…
Daniel Salber: In der Tat hat sie soziale Fertigkeiten, z.B. ist die soziale
Kontaktkunst sehr entwickelt, muss sie ja auch sein in dem Chaos rundherum. Junge
Leute können auch wunderbar musterhaft spielen, also Theater spielen, sich
darstellen. Und sie können gut organisieren, z.B. in ihren Gangs. Das ist heute
in der Welt gefragt: sich selber organisieren und da etwas sein, ohne
irgendwelche Bildung.
Eva Bürgermeister: Lifestyle TV ist ja gerade angesagt, so
jemand wie Bruce Darnell ist absolut im Kommen. Selbstdarstellung spielt ja
insgesamt eine große Rolle. Wie kann man sich in der Außendarstellung –
verbessern?
Daniel Salber:. Bruce ist schon wieder abgeschossen, er ist gescheitert. Aber er ist
natürlich ein Paradebeispiel für die Erziehung durch Medien. Bruce ist der Drillsergeant,
er hat so eine Rolle wie ein Drillsergeant bei den Marines.
Jugendliche möchten heute
mit wenig Mühe sofort Star sein. Dabei verhindert die Dauercoolness natürlich,
dass sie wirklich etwas von sich zeigen. Die spielen alle erwachsen, als wären
sie schon uralt und völlig abgebrüht.
Star sein oder nichts
Eva Bürgermeister: Jungen wie Mädchen? Kommen einmal
auf das Thema Sexualität zusprechen, gibt es da Unterschiede zwischen Jungen
und Mädchen?
Daniel Salber:. Wir haben heute keine sexuelle Revolution, sondern eine sexuelle (Bild-)Inflation.
Da ist also überall Leistungsdruck. Die Jungen haben einerseits diesen
unglaublichen Druck, sind aber andererseits nicht gerüstet, um damit umzugehen.
Wie geht man denn auf ein Mädchen zu, wie muss man es denn anfassen? Das lernen die nirgendwo, hören aber ständig, wie, wo,
mit wem, wie oft, wie lange, wie herum man es treiben muss. Und die
Mädchen überdecken teilweise ihre Unsicherheit durch dieses Auftrittsgehabe.
Bildinflation kann ja auch zur Maskerade verwendet werden.
Es geht darum, den
Perfektionsschein zu wahren wie bei einer Gottheit. Toll gestylte Bräute,
kraftvolle athletische Jungen. Das sind Bilder, mit denen man sich messen muss.
Das „musst “ du sein, deshalb darfst du keine Schwächen zeigen. Man darf nicht
zeigen, dass man erst auf dem Weg ist, dass man noch lernt. Man muss Star sein
oder man ist nichts. Diese Spaltung der Jugendlichen in zwei Klassen passt zu
dieser Weltspaltung.
Eva Bürgermeister: Was zeichnet den Loser und was den
Winner aus?
Daniel Salber:. Der Winner plant den
Karrieredurchmarsch. Der weiß mit 13 schon, dass er Vaters Betrieb übernimmt,
dann den Mercedes fährt und in den USA studieren wird. Auch die gestylten
Hiphopper mit Goldkettchen und Beulencappy geben sich als Winner. Die Looser sind natürlich die Schwachen, die Hässlichen, aber
die haben eine gewisse Gruppenwärme unter sich. Sie richten sich in der
Loserecke ein und stilisieren sich mit äußerer Kleidung, mit Verwahrlosung der
Sprache und der Umgangsformen. Und es gibt einen Losergesang, z.B. Bushido,
da wird schon die Düsternis und die Apokalypse vorweg genommen.
Erwachsene müssen erwachsen werden
Eva Bürgermeister: Ich möchte einmal auf die Eltern zu
sprechen kommen. Nutzen Jugendliche die Medien nicht auch zu dem Zweck, um sich
von den Eltern abzugrenzen.
Daniel Salber: Nun ist es ja so, dass sich Jugendliche heute nur schwer abgrenzen
können von den Eltern. Die sind auch ewig jung, ewig bewegt, die sind genauso
unordentlich, und mit einer Doppelmoral predigen sie Dinge, die sie selber
nicht durchhalten. Da sitzen sie lieber in ihrem Zimmer, gehen ins Weltmeer des
Internets, weil sie sich so bei den Eltern rausziehen können.
Eva Bürgermeister: Medien sind also moderne Büsche, in
denen man neue Erfahrungen und verbotene Dinge probiert. Gibt es in dem
momentanen Generationskonflikt ein Potenzial, bei dem sich zwischen Eltern und
Kindern auch etwas weiterentwickelt?
Daniel Salber: Der Generationskonflikt läuft unterschwellig;
eine Auseinandersetzung findet nicht statt. Man umschleicht sich, man möchte
keine Reibungen haben. Da gibt es einerseits eine ziemlich herzlose
Dauerbekümmerung oder eher Kontrolle der Eltern. Wann kommst Du nach Hause? Wie
lange surfst Du? Hast Du Deine Hausaufgaben gemacht? – Dadurch werden die
Jugendlichen gebunden und haben das Gefühl, gar nicht mehr weg zu kommen, weil Mama
oder Papa sie immer kontrollieren. Andererseits sind sie aber völlig allein
gelassen. Die ihnen gesetzten Normen erscheinen ihnen leer; die Regeln werden
einfach so gesetzt, ohne dass Jugendliche sie einsehen. Dagegen rebellieren sie
natürlich. Und dann ist da die systematische Provokation der Erwachsenen bis an
ihre Toleranzgrenze. Die Erwachsenen werden so lange provoziert bis sie
entweder zurückschlagen oder weggehen. JETZT will man eine Antwort von diesen
ewig toleranten Gutmenschen, Gummierwachsenen haben.
Eva Bürgermeister: Dieses Austesten der Grenzen gehört
doch zum Erwachsenwerden dazu. Ich höre jetzt daraus, die Jugendlichen spüren
keine Grenzen mehr?
Daniel Salber: Ja, so gehen sie immer weiter, zünden die Autos an oder machen was
kaputt, bis sich endlich mal einer bewegt bei den Erwachsenen – und sei es die
Polizei. In diesem verdrängten Generationenkonflikt
sind die heutigen Erwachsenen gar keine Erwachsenen, denn sie selbst haben
keine Grenzen und ihnen ist nichts heilig ist. Das kriegen die Jungen mit ihrem
ungeheueren Gespür natürlich heraus.
Der Generationenkonflikt
ist also eine Herausforderung an die Erwachsenen, was ist Euch heilig? Die
Erwachsenen haben keine Antwort darauf. Solange die stumm bleiben werden die
Jugendlichen alles dransetzen nachzusetzen, deshalb sehen wir eine wachsende
Eskalation, z.B. die zunehmender Gewalt, der Vandalismus in Schulen, in
öffentlichen Einrichtungen. Gleichzeitig ist die Rolle der Schule nicht so sehr
auf die Bildung oder die menschliche Entwicklung bezogen, da findet eher so
eine Art Datenfütterung statt.
Zaubern lernen statt Fakten paucken
Eva Bürgermeister: Das wird die Lehrer nicht freuen.
Daniel Salber: Heute
entwickelt sich ein Schulsystem, das sinnloses Faktenwissen in den Vordergrund stellt. Die
Jugendlichen dürfen aber nicht zaubern lernen, d.h. sie dürfen nicht lernen,
die Welt zu verwandeln – so wie ihr Held Harry
Potter, der auch herausgefordert ist durch eine dunkle Bedrohung.
Dann sagen die Jugendlichen, wenn „ihre“ Bedrohung kommt: Wenn wir uns nicht selber organisieren, gehen
wir unter. Harry Potter organisiert mit
seiner Bande einen Zauberkurs, selbst verantwortlich, abgeschottet in einem
schwarzen Zirkel. Das dürfen die Jugendlichen nicht, obwohl das Zaubern eine
Ausrüstung ist, mit der man das Leben bestehen kann, vor allen Dingen gegen
dunkle Bedrohungen. Dieser Wunsch, den sie nicht aufgeben, das Zaubern zu
lernen, ist ja eine Stärke…..und dann kommt im Roman irgendwann der Schulleiter
und hilft der Clique gegen die Bürokratie.
Eva Bürgermeister: Was ist die Konsequenz daraus? Was
müsste sich denn ändern im Umgang zwischen den Generationen?
Daniel Salber: Dass die Erwachsenen wieder erwachsen werden. Das Problem, über das wir
reden, ist gar nicht das Problem der Jugendlichen, sondern der Erwachsenen. Was
uns bei der Jugend entgegenkommt, ist immer noch der Spiegel dessen, was bei
den Erwachsenen nicht läuft.
Erwachsene können nicht
mit Medien umgehen, die können die Glotze nicht ausschalten, die hängen im
Internet. Wenn die Erwachsenen wieder wissen, was sie wollen, welche Dinge
ihnen etwas wert sind, dann kann man sich
auch wieder in die Auseinandersetzung begeben. Das kostet Mühe, Arbeit
und Zeit.
Eva Bürgermeister: Was können wir denn leisten?
Daniel Salber:. Wir haben zwei Worte dafür: „Begleitung“ und „Bildung“. Begleitung im
Gegensatz zum Im Stich Lassen. Begleitet die Jugend auf dem Weg in die
Erwachsenenwelt hinein. Helft ihnen dort einen Platz zu finden, bezieht klare
Positionen. Zweitens Bildung: Statt Fütterung mit Daten bedeutet bilden „entwickeln“.
Dafür muss zunächst ein Bild entwickelt
werden, wie der Mensch leben soll. Solch ein Bild wird nicht mehr vermittelt.
Und da kommen auch die Medien ins Spiel, die mitkriegen sollten, dass sie nicht
nur der Befütterung dienen können, denn das reicht nicht mehr.
Eva Bürgermeister: Sie appellieren also an die Medien, die
ein wichtiger Sozialisationsfaktor geworden sind. Haben Sie abschließend auch
eine Vorstellung von den künftigen Aufgaben der Medienpädagogik.
Daniel Salber:. Medienpädagogik hat eine revolutionäre Aufgabe: Aktiv mit
Medien arbeiten statt sie passiv zu konsumieren. Jugendlichen dabei helfen, den
Übergang vom Medienrezipienten zum Produzenten zu finden. Weg vom Sesselsitzer,
der sich nur befüttern lässt, hin zu jemandem, der seine eigenen Medien gestaltet,
um diese Welt zu verändern.
Eva Bürgermeister: Vielen Dank, Herr Dr. Salber, für
dieses Gespräch.