Jungen - Medien - Gewalt
– Ein
Trio Infernale?
Plädoyer für eine sozialpädagogisch orientierte
Medienarbeit mit Jungen
Von Kai Kabs-Ballbach
Immer wieder steht
die Dreiecksbeziehung Jungen – Medien – Gewalt im Fokus öffentlicher Diskussionen und ist Anlass für
populistische Betrachtungsweisen. Natürlich hat Gewalt eine
geschlechtsspezifische Dimension und Medien spielen bei der
Identitätsentwicklung von Jungen eine wichtige Rolle, doch gilt es ein auf die
Klientel zugeschnittenes vollständiges Bild zu Jungen, ihren Medien und der
Gewaltproblematik zu entwickeln. Nur wer die Differenz und Vielfalt der Jungen
berücksichtigt und ihnen mit Neugier auf ihre individuellen Bedürfnisse
begegnet, kann im eine konstruktive Auseinandersetzung mit Körperlichkeit,
Macht, Kontrolle und Aggression in Gang setzen. Dabei können Medien sehr
sinnvolle Werkzeuge sein, wie auch die
Beispiele im Projektpool dieses Heftes zeigen.
Wer
mit Jungen oder Mädchen in geschlechtshomogenen Gruppen (Medien-)Projekte
durchgeführt hat, weiß um die Besonderheiten der jeweiligen Gruppe sowie um die
Charakteristika der Arbeit. Der Hintergrund und die Umsetzung der
geschlechterdifferenzierenden Arbeit mit Mädchen stellen sich allerdings weitgehend unterschiedlich dar zur
Arbeit mit Jungen, obwohl die Ziele der Arbeitsansätze sehr ähnlich sein
können.
Die
Begründung dafür lässt sich sowohl in den unterschiedlichen Lebensentwürfen wie
auch in den gesellschaftlichen Bedingungen von Mädchen und Jungen finden.
Historisch betrachtet können die Anliegen der feministischen Bewegung in der
euro-amerikanischen Gesellschaft auf zwei wichtige Punkte, die für die
Mädchenarbeit von großer Bedeutung waren, zusammengefasst werden: Auf das
Ermöglichen von Zugängen zu verschiedenen Ressourcen und das Erstreiten von
Frei-Räumen, in denen sich auch Mädchen und Frauen ungehindert bewegen können.
Letztlich immer mit dem Ziel soziale Ungleichheit qua Geschlecht zu überwinden.
Da die Kategorie Geschlecht nach wie vor auch in der euro-amerikanischen
Gesellschaft ein Merkmal sozialer Ungleichheit ist, haben sich diese Themen bis
heute im gewissen Sinne für die Mädchenarbeit als Anliegen behauptet.
Aus
dieser Argumentation heraus ist offensichtlich, dass mit Jungenarbeit nicht das
soziologisch begründete Ziel der Überwindung sozialer Ungleichheit im
Mittelpunkt stehen kann. Um aber Ziele einer sinnvollen Jungenarbeit pointiert
formulieren zu können, lohnt es sich einen Blick auf die neuere Entwicklung der
Jungenarbeit zu werfen. In den 70er Jahren war aus jahrzehntelanger
geschlechterdifferenzierender Arbeit mit Mädchen sowie aus feministischer Sicht
die logische und konsequente Forderung, dass Jungenarbeit durch Männer
stattfinden muss. Die Begründung war, dass auf Dauer geschlechtsspezifische
Differenzen und Ungleichheiten nicht nur von Frauen- und Mädchenseite
aufgearbeitet werden können, wenn auf Jungen- und vor allem von Männerseite
wenig bis nichts geschieht. In den Mittelpunkt wurden Männer und teilweise auch
Jungen als Verursacher dieses Gesellschaftssystems gestellt. Aus Sicht der
feministischen Forschung und Bewegung wurden folgerichtig entsprechende
Forderungen an die Männer allgemein und insbesondere an die Männer in der
Jugendarbeit gerichtet bzw. formuliert: Es ist die Aufgabe von Männern die
Jungen „dazu zu bringen“, dass sie bildlich gesprochen Räume an Mädchen und
Frauen abgeben und ihnen den Zugang zu Ressourcen ermöglichen, bzw. selbst
überlassen. Die konkrete Jungenarbeit fand in diesem Kontext eher als Reaktion
auf eine Forderung statt, konnte sich nicht auf eigene Begründungen berufen und
verlor sich mehr oder minder in der Aufarbeitung der behaupteten
geschlechtsspezifischen Defizite von Jungen.
In
den 70ern und 80ern wurden dann direkt und indirekt aus den Forderungen der
feministischen Bewegung und als Ergänzung zu den parteilichen Ansätzen in der
Mädchenarbeit verschiedene Theoreme in der Jungenarbeit entwickelt. Hintergrund
war die Erkenntnis, dass reflektierte Jungenarbeit bzw. Jungenpädagogik ihre
eigenen selbst entwickelten Bezüge benötigt 1. In den 90ern wurde der erste
soziologisch fundierter Ansatz von dem Australier Robert W. Connell 2 entwickelt,
der in seinem empirischen Männerforschungsansatz die bestehenden
Geschlechterverhältnisse in der euro-amerikanischen Gesellschaft
berücksichtigte und dadurch erstmalig differenzierte(-re) Analysen der Jungen-
und Männerarbeit vor dem Hintergrund des existierenden
Geschlechterverhältnisses zuließ. Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen die
gesellschaftlich konstruierten Bilder von Männlichkeiten. Allerdings war auch
dieser Ansatz eher theoretischer Natur und schwer in die praxisorientierten
Ansätze der Jugendhilfe und Jugendarbeit zu integrieren. Nach vielen
Theoriediskussionen wurden dann Ende der 90er Jahre und Anfang 2000 einige
Ansätze für die „Praxis der
Jungenarbeit“3 kompatibel gemacht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt
wurde deutlich, dass Jungenarbeit zwar theoretische Bezüge benötigt, in erster
Linie aber in der Praxis umsetzbar sein muss, da ansonsten die meisten
Überlegungen ins Leere laufen würden und die Ansätze im wahrsten Sinn der Worte
nicht praktikabel wären. Grundsätzlich sei hier erwähnt, dass der Hintergrund
einer geschlechterdifferenzierenden Arbeit – dies gilt natürlich auch für
medienpädagogische Arbeit mit Mädchen und Jungen – nicht die Überwindung von
Koedukation oder die Ächtung von gemischtgeschlechtlichen Unternehmungen sein
kann.
Geschlechterdifferenzierende
Arbeiten mit Jungen muss in erster Linie am gelingenden Junge-Sein anknüpfen
und sollte nicht erst dann praktiziert werden, wenn Jungen auffällig geworden
sind. Die Begründung dafür ist weniger auf der metatheoretischen Ebene als
vielmehr auf der interpersonellen Ebene zu finden: Es lohnt sich schlicht, auch
mal was „nur“ unter Jungen und Männern zu machen, Gemeinsamkeiten zu entdecken,
aus der geschlechtshomogenen Gruppe heraus die Begründung für die gemeinsame
Aktivität zu finden – ohne andere Gruppen, zum Beispiel Mädchen als
geschlechtshomogene Gruppe, insgesamt abzuwerten4.
Chancenarme
Jungs im Hintertreffen
Seit 19925 wird zunehmend in allen relevanten in
Deutschland veröffentlichten Studien darauf hingewiesen, dass die Situation von
Mädchen und Jungen in mancherlei Hinsicht im Wandel ist. Die Untersuchungen belegen diese
Veränderung in erster Linie in Bildungszusammenhängen, welche dann aber mit der
übrigen Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen einhergehen. Vor allem ist
es die soziale Herkunft, die in Deutschland die reale Situation sowie die
Zukunftschancen von Mädchen und Jungen
bestimmen. Die WORLD-VISION-Studie 2007 dokumentiert sehr klar, dass
bereits Kinder aus "unteren Herkunftsschichten" Existenzängste
formulieren6. Das Bildungssystem scheint diesem Umstand
nicht gerecht zu werden. Bei den Jugendlichen mit niedrigen Bildungsabschlüssen
bzw. ohne Bildungsabschlüsse sind insbesondere Jugendliche mit
Migrationshintergrund über-, bei den höheren Bildungsabschlüssen
unterrepräsentiert. Dieses Bild setzt sich beim Übergang Schule - Beruf fort.
Über ein Drittel der jungen Frauen und Männer mit Migrationshintergrund konnten
2005 keine abgeschlossene Ausbildung vorweisen. Hinzu kommt, dass die Studien ein
sukzessives Auseinanderdriften der erbrachten Bildungsleistungen von Mädchen
und Jungen verzeichnen. Zu beobachten sind diese Tendenzen u.a. an der
Tatsache, dass mehr Jungen als Mädchen auf die niedrig qualifizierenden Schulen
gehen. Auch hier gehören zur am stärksten betroffenen Gruppe Jungen mit
Migrationshintergrund. Stützende und unterstützende Maßnahmen erreichen die
Kinder und Jugendlichen häufig nicht, werden kaum angenommen oder werden erst
gar nicht angeboten. Hier hat sich eine nach unten bewegende Spirale
insbesondere für Jungen aus bildungsfernen Milieus entwickelt, die von den
betroffenen Jungen alleine kaum noch bewältigt werden kann. Im realen Leben heißt
dies, dass insbesondere chancenarme Jungen schulisch ins Hintertreffen geraten
und sich im Sektor der niedrigen Bildungsabschlüsse extrem schwer im Übergang
von der Schule in die Ausbildung und den Beruf tun.
Daraus
lässt sich allerdings nicht folgern, dass Jungen neuerdings „benachteiligter“
sind als Mädchen. Was allerdings deutlich wird, ist, dass Integrationsleistungen nicht einseitig von
den Kindern und Jugendlichen, insbesondere Jungen mit Migrationshintergrund
erbracht werden müssen, sondern dass auch eine Öffnung der Fachkräfte und der
Institutionen zu geschlechterdifferenzierendem, kultur- und migrationssensiblem
Arbeiten mit marginalisierten Kindern und Jugendlichen zentraler Bestandteil
eines effektiven Ansatzes in der Vermeidung von randständigem Dasein,
Ausgrenzung und Armut sein muss. Dies umfasst schulische und außerschulische
Bildungsarbeit im Allgemeinen und damit auch medienpädagogische Angebote für
Jungen im Besonderen. Entwicklungs- und vergesellschaftungsrelevante Kategorien
müssen also auch in einer pädagogisch fundierten Medienarbeit Anwendung finden.
Konkret kann dies heißen, dass den Bedürfnissen und Wünschen von Jungen
entsprochen wird, indem das Geschlecht, ein möglicher Migrationshintergrund,
kulturelle Vielfalt und andere Kategorien in der konkreten Arbeit
Berücksichtigung findet, aber andererseits nicht zum einzigen
handlungsleitenden Maßstab in der Interaktion mit den Kindern und Jugendlichen
wird.
Letztlich geht es darum in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht mit pauschalen Bildern und Vorstellungen zu arbeiten, sondern sich eine Offenheit und Neugierde für Neues und Individuelles zu bewahren, die Wünsche und Bedürfnisse sowie die Vielfalt der Klientel zu berücksichtigen. In einer sozialpädagogisch ausgerichteten Medienarbeit mit Jungen kann dies dazu führen, dass ein medienpädagogisches Projekt unter Umständen eine vollkommen andere Richtung als geplant einschlägt. Was dann nicht als Scheitern des Projekts zu verstehen ist, sondern viel eher als Qualitätsmerkmal, da Offenheit bezüglich der Vielfalt an Kindern und Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen praktiziert wird.
Wenn nun die
Medienrezeption von Jungen betrachtet wird, gerät in den Blick, dass gerade die
spannenden, rasanten und auf Action ausgelegten Genres besonders beliebt sind:
Ego-Shooter auf dem PC, Wrestling im Fernsehen u.v.m. Gewalttätige Szenarien
scheinen für Jungen besonders interessant zu sein und dadurch den Produzenten
hohe Absatzzahlen zu garantieren.
Zusammenhänge zwischen
Medien und realer Gewalt werden vielerorts diskutiert, und dass die
gewalttätigen Inhalte überhaupt keinen Einfluss auf die Jungen haben, scheint
unwahrscheinlich – ebenso unwahrscheinlich ist allerdings auch, dass sie
zwangsläufig zu einem Amoklauf wie in Erfurt führen müssen. Diskussionen in der
Politik geben auch diesmal nur kurzfristig und unvollständig Antworten auf das
Vorgefallene. Forderungen und Antworten aus sozial- und medienpädagogischen
Ansätzen scheinen im vergangenen Jahrzehnt kaum Einzug gefunden zu haben.
Umfassende dauerhafte Erarbeitung und Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit
Medien muss das Ziel einer verantwortungsvollen Medienpolitik sein.
Insbesondere sollen Gruppen von Kindern und Jugendlichen, Mädchen und Jungen
angesprochen werden, die aus vielerlei Gründen einen erschwerten Zugang zu
verschiedenen Medien und Medientechniken haben. Deutlich wird durch die
unterschiedliche Medienrezeption von Mädchen und Jungen, dass eine
ganzheitliche Interpretation den geschlechterdifferenzierenden Blickwinkel
nicht außen vor lassen kann.
Ziel muss also sein, ein vollständigeres Bild der Zusammenhänge von
Jungen, Medien und Gewaltthematik zu eröffnen. Dieses Bild umfasst die individuelle
Entwicklung im gesellschaftlichen Kontext, also auch Schule, Elternhaus,
Peergroup, etc. sowie die dabei jeweils enthaltenen Problemlagen. So stellt
sich die Frage, warum Actiongames für Jungen ansprechend sind. An erster Stelle
sei hier ausdrücklich gesagt, dass nicht alle Jungen diese Games mögen und
spielen, ebenso wie einige Mädchen, wenn auch wenige, an diesen Spielen
Gefallen finden. In der Mehrzahl haben allerdings Jungen Vorlieben für aktive,
action- und bewegungsorientierte Games und Aufgaben. In unserem
euro-amerikanischen Kontext wird im Laufe der Sozialisation von Jungen eine
gewisse Nähe zu Technik und Technologien hergestellt, bzw. viele Jungen stellen
aktiv die Nähe her. In der Jugend, im jungen Erwachsenenalter und bei
Erwachsenen genießt die Beherrschung der Technik hohe Anerkennung. Sport und
Aktivität und die dabei zu erbringenden Leistungen nehmen in der Entwicklung
und Vergesellschaftung von Jungen ebenfalls wichtige Funktionen ein. In den
meisten Formen von Jungenkultur, auch in den Subkulturen, sind diese Bezüge
sichtbar und werden von den Jungen mal konstruktiver und mal destruktiver
gelebt.
Dies ist vergleichbar mit der Situation von marginalisierten Jungen ganz
allgemein: Wenn beispielsweise Erfolge in der Schule und/oder sozialem Umfeld
ausbleiben, kann das „Sichbeziehen auf den eigenen Körper“ u.a. mit sportlichen
oder tänzerischen Leistungen eine besondere Betonung erfahren. Im Medienkontext
besteht die Möglichkeit sich auf die Leistung innerhalb der Games sehr stark zu
beziehen. Wenn die „reale Welt“ kaum eine Möglichkeit der Anerkennung durch
Leistung bietet, besteht innerhalb der virtuellen Welt (Computer-Games) immer
noch die Möglichkeit „Höchstleistungen“ zu erbringen. Wettkämpfe allgemein sind
unter Jungen besonders beliebt. Das Element des Wettkampfs ist in vielen Ego-Shootern
und Strategiespielen ein zentraler Bestandteil. Darüber hinaus können „im
Spiel“ Machtbedürfnisse ausgelebt werden, Grenzen können ausgetestet werden -
Grenzen können ebenfalls überschritten werden. Ein weiterer nicht unerheblicher
Faktor ist, dass im Spiele-Sektor eine Jungen-Subkultur, mit der sich
Jugendliche von der Eltern-Generation abgrenzen können, entstanden ist. Wenn
nun dieses subkulturelle Behauptungsfeld von Jungen durch Verbote und Ächtung
ersatzlos gestrichen wird, entsteht eine Lücke, auf die ich weiter unten noch einmal
zurückkommen möchte.
Medien als Werkzeuge
Medienarbeit mit
Jungen muss zunächst vom Gewaltthema losgelöste Ziele verfolgen, bei denen es
ganz allgemein um das Erlangen von Medienkompetenz, vor allem aber um Freude im
Umgang und bei der Arbeit mit Medien gehen sollte. Das Erlangen von Medienkompetenzen
wiederum geschieht, indem Medien genutzt, aktiv gestaltet und besprochen werden.
Auch das Durchschaubarmachen von Funktionsweise und Wirkung des jeweiligen
Mediums spielt eine große Rolle7.
Dafür benötigen wir kompetente MedienpädagogInnen, die für Kinder und
Jugendliche jederzeit ansprechbar sein müssen. Ebenso sollte für Kinder und
Jugendliche der Kontakt zu Medien gewährleistet sein.
Aus dem Blick
dürfen dabei nicht die Grenzen der Medienarbeit geraten: Medienarbeit mit
Jungen ersetzt nicht eine umfassende Sozialarbeit und wird im oben genannten
Kontext nur ein Baustein einer umfassenden Gewaltprävention sein. Geschlechterdifferenzierende
Medienarbeit mit Jungen kann demnach unterschiedliche Ziele verfolgen, je
nachdem ob die Arbeit mit den Medien oder weitere pädagogische Ziele zentral
sein sollen. Es besteht die Möglichkeit, Medienprojekte in einer
geschlechtshomogenen Gruppe durchzuführen, mit dem Ziel sich Kompetenzen in dem
spezifischen Medium zu erarbeiten. In diesem Kontext kann die geschlechtshomogene Gruppe an sich einen Wert
oder eine Besonderheit darstellen, da die Jungen unter sich auf jungentypische
Art und Weise gemeinsam aktiv sind.
Medienarbeit kann aber auch ein Werkzeug oder Mittel zum Zweck für die
pädagogische Arbeit mit Jungen sein. Die Produktion von Videoclips
beispielsweise ist (nicht nur) unter Jungen sehr beliebt und kann, wie oben
erwähnt, für den/die Jungenarbeiter/in einen Zugang zu der pädagogischen Arbeit
mit Jungen sein. Um also einen Zugang in der sozialen Arbeit mit und zu Jungen
herzustellen, macht es Sinn die Bedürfnisse, Wünsche und Anliegen von Jungen,
in diesem Fall ein medienpädagogisches Projekt, mit einzubeziehen.
Jungen
als geschlechtshomogene Gruppe werden in den Medien sehr häufig in Verbindung
mit der Gewaltproblematik gebracht. Laut Polizeistatistik werden ca. neun von
zehn aller gewalttätigen Übergriffe auf Personen von Jungen und jungen Männern
ausgeübt. Gleichzeitig sind ca. 75% der Opfer dieser Übergriffe ebenfalls
Jungen und junge Männer8. Jungen wählen im Vergleich zu Mädchen
spektakulärere Formen von Gewalt – die auch eher von der Polizei registriert
werden können. In Auseinandersetzungen greifen Jungen, wenn sie ihrer
Handlungsfähigkeit beraubt, also überfordert sind, eher zu drastischeren
Maßnahmen und Gegenmaßnahmen. Geschlechtsspezifisch betrachtet spielen bei
Jungen gemäß dem Stereotyp die Kategorien Kontrolle und Macht eine große Rolle.
Bezogen
auf Medien nutzen Jungen wesentlich häufiger gewaltaffine Medien.
Erfahrungswerte aus Praxisprojekten belegen, dass Jungen in Jugendmedienproduktionen vermehrt die Gewaltthematik aufgreifen. In vielerlei Hinsicht kann also Jungen eine größere Nähe zum Thema Gewalt bescheinigt werden. Bei den Jungen-Produktionen werden in der Regel sowohl die Faszination die vom Thema ausgeht, wie auch eigene Ängste, Befürchtungen und individuelle Betroffenheit deutlich. Unverkennbar ist in diesem Kontext, dass
Gewalt eine geschlechtsspezifische Dimension hat, Jungen nähern sich diesem Thema anders als Mädchen an.
Aus
dem Blick darf dennoch nicht geraten, dass sich die allermeisten Jungen und
jungen Männer in einem „gelingende Sinne“ entwickeln und nicht mit einer oder
durch eine Gewaltproblematik auffällig werden! Wenn Jungen real in den
Projekten befragt werden, wird deutlich, dass Sie sich selber oft anders
wahrnehmen. Darstellungen, Figuren und Handlungen in den Medien werden von
Ihnen registriert, aber nicht unreflektiert übernommen. Jungen wollen sich in
den für Sie wichtigen Bereichen auskennen, sie möchten sich nicht verstellen
müssen oder in eine Rolle schlüpfen um anzukommen. In der Regel wollen sie ganz
normal sein – auch wenn zwischen der Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung
bisweilen ein großer Unterschied besteht. Diese Diskrepanz ist nicht
vollständig auflösbar, bietet aber viele Schnittstellen, um in der Arbeit mit
Jungen anzuknüpfen.
Die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, Macht, Kontrolle, Aggression und auch Gewalt sind wichtige Entwicklungsaufgaben – nicht nur bei Jungen. Gewalt darf keinesfalls herunter gespielt oder verharmlost werden. Dennoch darf auch nicht aus dem Blick geraten, dass sich Kinder und Jugendliche in der Entwicklung befinden und in diesem Rahmen Grenzen berühren und dabei manchmal auch überschreiten. Allerdings sind dann Erwachsene als Korrektiv gefordert. Kinder und Jugendliche dürfen bei diesen Entwicklungsschritten nicht vernachlässigt oder „im Stich“ gelassen werden. Medien mit den unzähligen Darstellungen und Varianten an Gewalt bieten hier viel Anlass zur Auseinandersetzung.
Medien sind Werkzeuge, die von der Gesellschaft und/oder einzelnen
Personen gesteuert werden. Umso wichtiger ist die medienpädagogische Arbeit mit
Kindern und Jugendlichen, um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Macht
der Medien und des Mediums zu vermitteln.
Dass auch das gesellschaftliche Verhältnis zu Gewalt widersprüchlich ist, ist ein wichtiger Aspekt mit weitreichenden Konsequenzen für die Gewaltdebatte insgesamt. Vor allem nach gewalttätigen Vorfällen wird die Diskussion häufig auf die oder den Täter personalisiert, also in reduzierter Form, geführt. Es entspricht nicht der Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen sich losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen und damit auch von Medieneinflüssen zu entwickeln. Einflüsse von gewalthaltigen Medien und auch die zwiespältige Haltung zu Gewalt in Medien lassen sich nicht verleugnen. Einerseits wird Gewalt verurteilt, andererseits dient Gewalt als Unterhaltung und Verkaufsgarant. Gewalt fasziniert in gewissem Sinne und verhindert Langeweile. Und das nicht nur in Computer-Games, sondern auch in Spielfilmen, Serien, Theaterstücken und Büchern. Die meisten Genres arbeiten u.a. mit gewalthaltigen Inhalten: Krimis, Action, Science Fiction, Horror.
Aber auch in den täglichen Nachrichten und Dokumentationen in Zeitung und Fernsehen
wird
Gewalt ausführlichst dokumentiert. Gerade aber die gesellschaftlich tolerierten
und akzeptierten Formen von gerechtfertigter Gewalt machen es für Kinder,
Jugendliche und deren Eltern und/oder Bezugspersonen schwierig, konsequent und
eindeutig gegen Gewalt Stellung zu beziehen. Zu nennen wäre das Gewaltmonopol
des Staates, welches ermöglicht, Gewalt als letztes, aber legitimes Mittel,
anzuwenden. Krieg, Hinrichtungen oder auch Terrorbekämpfung werden je nach
gesellschaftlicher Situation oder politisch-funktionalem Interesse als
unausweichlich geschildert und entsprechend praktiziert. In den Hintergrund
tritt dabei, dass Begründungen und Motive für Gewalt in der Regel sehr
subjektiv sind und mit Sicherheit nicht die Begründungen der jeweiligen Opfer
sind.
Darüber
hinaus sind gewalttätige Menschen in hohem Maße anerkannt: Von Julius Cäsar
über Napoleon zu Menschen in der aktuellen Politik und der Wirtschaft bis zur
Verehrung von Kriegshelden. So grenzt manche geführte Diskussion über die
Gewalt bzw. Stellungnahme zu dieser Thematik
an Bigotterie. Die darin enthaltenen Botschaften erreichen Kinder und
Jugendliche durchaus. Untersuchungen zur Wirkung gewaltaffiner Darstellungen
kommen zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen: Von keinerlei Auswirkung
über Aggressionssteigerung/Verrohung bis zum Aggressionsabbau wird vielerlei
erwogen9. Von der Katharsisthese bis zur These der
Wirkungslosigkeit, monokausale
Begründungsmuster greifen zu kurz: Der Konsum gewalthaltiger Computerspiele für
sich allein gestellt, führt weder zur realen Gewalt noch zu schlechten
schulischen Leistungen. Mit solchen Aussagen werden in der Regel komplexe
Sachverhalte unzulässig verkürzt.
Wie
bei allen problematischen Entwicklungen, spielen auch hier vielfältige Faktoren
über einen längeren Zeitraum eine Rolle, vor allem, dass manche Kinder und
Jugendliche in besonders schwierigen Situationen keine AnsprechpartnerInnen
haben. Ein ganzheitlicher Ansatz in der Medienarbeit, der nicht Medien allein,
sondern in erster Linie die Projektbeteiligten in den Mittelpunkt stellt, der
im pädagogischen Handeln Differenz und Vielfalt
berücksichtigt, wird dazu beitragen, dass eine konstruktive
Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt stattfindet. Und diese konstruktive
Auseinandersetzung stützt Jungen (und Mädchen) in ihrer gelingenden
Entwicklung.
Kai Kabs-Ballbach,
Diplom Pädagoge, Bildungsreferent beim Paritätischen Jugendwerk
Baden-Württemberg e.V., Freier Referent für Jungenpädagogik, Diversity und
Gewaltprävention; Geschlechterdifferenzierende Medienpädagogik in den Bereichen
Hörfunk, Video und Multimedia
Anmerkungen
1. Hier seien
exemplarisch der antisexistische Ansatz von Elisabeth Glücks und Franz G.
Ottemeier-Glücks aus der Heimvolkshochschule „Alte Molkerei Frille“, der
Identitätsorientierte Ansatz von Reinhard Winter, die sexualpädagogische
Jungenarbeit von Uwe Sielert oder auch der emanzipatorische Ansatz von Michael
Schenk genannt.
2. Robert W. Connell
lebt und lehrt zwischenzeitlich unter dem Namen Prof. Raewyn Connell an der University of Sidney, Australia.
3. Sturzenhecker, B.; Winter R. Die Praxis der
Jungenarbeit (HG), 2002, Juventa; Praxishandbuch für die Jungenarbeit, Sielert
U. oder Perspektiven der Jungenarbeit – Konzepte und Impulse aus der Praxis,
Jantz O. u. Grothe C. (HG)
4. Schade und schwierig ist, wenn der Anlass für
Jungenarbeit ausschließlich und erst über problematische Zugänge oder aus
problematischen Anlässen geschieht. Dennoch soll sich Jungenarbeit auch den
problematischen Seiten von Jungen widmen und bei Fehlverhalten konsequente
Handlungsmöglichkeiten mit einbeziehen. In der geschlechterdifferenzierenden
Arbeit geht es also maßgeblich um eine, bzw. um meine Haltung den Jungen
gegenüber.
5. Voran ging die SHELL-Studie von 1992. Bis 2006
verlagerte sich das Ungleichverhältnis zu ungunsten von Jungen insbesondere von
chancenarmen Jungen immer deutlicher. IGLU-Studien, PISA-Studien und die
WORLD-VISION-Studie 2007, betonen diese Tatsache, auch dass Jungen mit Migrationshintergrund
am stärksten betroffen sind.
6. Am häufigsten haben sie Angst vor
Arbeitslosigkeit der Eltern und vor schlechten Schulnoten.
7. vgl. D. Baake, 1998
8.
Die genannten Statistiken schwanken je nach Jahreszahl, Bundesland etc. pendeln
sich aber immer wieder auf die oben genannten Werte ein.
9. vgl. z.B. Studie zum Zusammenhang zwischen
Medienkonsum und schlechten schulischen Leistungen, C. Pfeiffer 2006