Der Sender bin ich!

Jugendliche Podcaster sind im Web 2.0 angekommen

Podcasting – ein neues Medium zwischen Radio und Internet – wird nicht nur gerne gehört, es wird auch gerne selbst produziert. Das trifft jedoch leider nicht auf alle Jugendlichen zu, denn das Web 2.0 produziert auch das Gap 2.0, d.h. die digitale Kluft wächst. Die Podcast-Macher sind heute charmant, männlich und überdurchschnittlich gebildet. Bis jetzt.

Von Christian Herrmann

Der Tod des Radios schien schon festzustehen. Nun kommt doch alles anders. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest, der alljährlich die viel beachtete JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) herausgibt, stellt fest, dass 74% der 12- bis 19-Jährigen mehrmals pro Woche Radio hören. Ein Drittel von ihnen sagt, ihre Radionutzung habe in der letzten Zeit eher zugenommen. Das klassische Radiogerät steht jedoch nicht mehr zwingend im Zentrum dieser Mediennutzung. Radiosendungen werden auch über das Handy, den mp3-Player und den PC empfangen.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt das Münchner Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF), das im August 2007 eine Explorationsstudie zur jugendlichen Nutzung neuer Medien zwischen Radio und Internet veröffentlichte12. Bei Jugendlichen besonders beliebt sind Webseiten bekannter Radiostationen ebenso wie reines  oft von Amateuren produziertes Internetradio oder die Webseiten von Bands und Plattenlabels.

Sendungen und Musikstücke werden dabei nicht mehr als reine Downloads oder Audio-Streams angeboten, sie können als Podcast abonniert werden. Podcasting wird oft als typisches Produkt des „neuen Internets“, des Web 2.0, angesehen. Es beinhaltet geringen technischen Aufwand und damit große Möglichkeiten, selbst zum Produzenten zu werden.

Damit liegt Podcasting im Trend. Ein weiteres Ergebnis der JIM-Studie 20072 sagt: Jugendliche machen mit bei Web 2.0. Ein Viertel der jugendlichen Internetnutzer beteiligt sich an interaktiven Webseiten und produziert mehrmals pro Woche eigene Inhalte, sei es durch das Einstellen von Bildern, Videos, Musikdateien oder das Verfassen von Blogs oder Newsgroup-Beiträgen. Fast jeder dritte Junge und jedes fünfte Mädchen mit Interneterfahrung trägt so regelmäßig zum Web 2.0 bei.

 

Einfach ohne Tonstudio

Noch sollte man diese Aktivität nicht überbewerten. Wie die Untersuchung konkreter Web 2.0- Angebote zeigt, werden diese vor allem passiv genutzt. So haben beispielsweise 78% der Internetnutzer schon einmal etwas in der Web 2.0 - Enzyklopädie Wikipedia gesucht, aber nur 4% haben aktiv Einträge verfasst. Besser schneidet die Videoplattform YouTube ab, hier hat immerhin schon jeder zehnte jugendliche Internetnutzer einmal ein Video eingestellt, drei Fünftel nutzen diese Seite jedoch nur passiv und schauen Videos an.

Diese Zahlen sind ein Vorbote dessen, was kommen wird. Die technische Entwicklung kommt denjenigen entgegen, die nicht nur passiv konsumieren, sondern selbst produzieren und veröffentlichen möchten.

Wer heute Audio-Dateien produzieren will, braucht kein Tonstudio mehr. Ein PC – ohnehin fast überall vorhanden –, freie Schnittsoftware wie Audacity, ein mittelprächtiges Mikrofon und ein kleines Schnittpult reichen aus, um einen Podcast zu produzieren. Ein gutes und preisgünstiges „Podcaststudio“ – bestehend aus FireWire Audio Interface, Musikproduktions-Software, professionellem 8-Kanal-Mischpult, Kopfhörer und Studiomikrofon – bietet beispielsweise die Firma Behringer (www.behringer.com) an.

Das Münchner JFF hat Jugendliche Podcast-Hörer und Produzenten in einer Studie untersucht. 135 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 10 und 27 wurden dazu mit Hilfe von Fragebögen und Gruppen-Chats befragt. Wer sind sie und was treibt sie an? Fast ein Drittel der Befragten erstellt selbst Audio-Dateien und veröffentlicht sie. Die multifunktionalen Medien, sprich Computer und Handy, haben für diese Jugendlichen monofunktionale Medien wie Fernsehen, Radio und Tageszeitung verdrängt. Jungen sind gegenüber Mädchen in dieser Gruppe überproportional vertreten. Informationen zu den eigenen Interessensgebieten und Nachrichten und Neuigkeiten aus aller Welt sind für diese Jugendlichen interessanter als Musik. Jugendliche, die Podcasts und Internetradio ausschließlich als Hörer nutzen, bevorzugen hingegen musikalische Inhalte. Viele der Podcast-Produzenten verbinden mit dieser Tätigkeit auch eine Berufsorientierung in Richtung Journalismus. Sie sind überdurchschnittlich gebildet.

Folgerichtig fragen Achim Lauber, Ulrike Wagner & Helga Theunert, die die Studie des JFF verfasst haben, nach den zielführenden Wegen, d.h. sie untersuchen wie alle Jugendlichen – also nicht nur die Bildungsbevorzugten –   für das Leben in der Medienwelt gestärkt werden können.

 

Plaudern und kalauern

www. netzcheckers.de, ein Jugendportal, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von „Jugend online“ bei IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. umgesetzt wird, hat den Auftrag die Medienkompetenz von Jugendlichen zu stärken. Dieser Auftrag erstreckt sich auf alle Jugendlichen, auf diejenigen, die bereits Computer- und Internet erfahren sind, auf die, die auf Grund ihrer Herkunft und Bildung nur eingeschränkte Nutzungsperspektiven haben, auf technikaffine Jugendliche, die sich im Alleingang das Netz erschließen und solche, die – beispielsweise in der offenen Jugendarbeit – besondere Unterstützung benötigen und erfahren.

Das Team von „Jugend online“ hat sich sehr früh das Thema Web 2.0 zu eigen gemacht. Bereits im Herbst 2005 wurde dazu in Berlin eine Tagung durchgeführt, damals noch begleitet vom Stirnrunzeln der Partner des Jugendportals netzcheckers, die sich unter Web 2.0 oft nur wenig vorstellen konnten. Ein Podcast-Modul wurde im Jugendportal im Februar 2006 in Betrieb genommen. Es erlaubt den Upload von Audio-Dateien, das Modul generiert dann selbständig die RSS-Datei, die das Abonnement der Audio-Dateien ermöglicht.

Im August 2006 folgte mit „Cellcast“ eine weitere Neuerung. Mit Hilfe eines beliebigen Telefons lässt sich per Anruf eine Audio-Datei erzeugen, die unmittelbar nach dem Auflegen als mp3-Datei und Podcast zur Verfügung steht.

Seither konnten auf netzcheckers.de umfangreiche Erfahrungen mit jugendlicher Audio- und Podcast-Produktion gesammelt werden. Sowohl aus der Sicht von Nutzerinnen und Nutzern, als auch aus der Sicht der Produzentinnen und Produzenten, gibt es dabei Überraschendes festzustellen. Der Abruf der reinen Audio-Dateien überwiegt gegenüber der Möglichkeit sie zu abonnieren. Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt die von Sebastian Dreßler und Dirk Martens für House of Research durchgeführte Studie „Podcast in Deutschland 2007“3. Podcasts werden überwiegend über stationäre Endgeräte und nicht über ihre mobilen Verwandten genutzt, die dem Podcast seinen Namen gaben.

Die Inhalte der Podcasts sind dabei so vielfältig wie die Jugendlichen, die sie betreiben. Zu den Macherinnen und Machern gehören Jugendradios wie das NRW-weite Netzwerk Jugendradio, das Medienzentrum Connect in Fürth oder das Medienzentrum Parabol in Nürnberg. Bei den beteiligten Jugendlichen spielt sicher neben der Projektarbeit und dem Freizeitspaß auch die berufliche Orientierung eine Rolle.

Daneben gibt es die Einzeltäter: Netzchecker „RobBubble“, der sich selbst als „gnadenlosen Spieletester“ einschätzt, plaudert über Computerspiele und möchte die „gleichgesinnten Zocker“ ansprechen. Ein solcher ist vermutlich „Seviman“, der in seinem „rockin’ WoWCast“ Neues über das Spiel World of Warcraft zu berichten hat. Selbstverständlich ist er ein „Kenner des Spiels und der Szene“.

User „cambell“ kalauert über „Dr. Winter! Die Sommervertretung für Dr. Sommer!“. Das war eigentlich Teil eines Schulprojektes, durfte aber in der Schule nicht aufgeführt werden. Auf netzcheckers geht’s.

 

Gegen das Gap 2.0

Wer Podcasts produziert, muss gerne plaudern und keine Angst haben sich in Szene zu setzen. Hier ist die „Audio-Rampensau“ gefragt. Nimmt man die jugendlichen Macher unter die Lupe, fällt auf: Fast alle sind junge Männer, Sprache und eingesetzte Technik sprechen für solide Bildung in Elternhaus und Schule. Nicht nur die Studie des JFF, auch die Studie von House of Research stützen diese Mutmaßung auch aus Nutzersicht: Drei Viertel der Nutzer sind männlich und ebensoviele verfügen über Abitur oder steuern es gerade an.

Technik stellt sich immer noch als Barriere entlang der Bildungs- und Geschlechtergrenzen dar.

Es scheint, als würden unterschiedliche Bildungshintergründe auch unterschiedliche Benutzergruppen generieren. Während die "Bildungsfernen" vor allem Konsumenten sind, befähigt Bildung zur eigenständigen Medienproduktion. Während früher der "digital gap - die digitale Kluft" vor allem entlang des Zugangs zu Computer und Internet definiert wurde, muss man heute wohl nach Nutzungsgewohnheiten unterscheiden. Zugleich wandelt sich das gesellschaftliche Leitbild. Galt noch vor kurzem der reine Zugang zu den relevanten Kanälen der Mediengesellschaft als Nachweis von Informations- und Kommunikationskompetenz, ist heute der selbstbestimmte Produzent medialer Inhalte gefragt. Jugendliche, die sich der Artikulation und Ausgestaltung von Themen nie gestellt haben oder nie stellen mussten, tun sich hier besonders schwer. Web 2.0 produziert auch Gap 2.0.

Umso wichtiger ist es, dass sich auf einem öffentlich geförderten Jugendportal wie netzcheckers auch die außerschulische Medien- und Bildungsarbeit wieder findet. Die Naturfreundejugend berichtet in ihrem Podcast aus Projekten. Das Freizeithaus „Dicker Busch“ ist mit dem BuschRadio dabei und „wurzelchen“ vom „Kinderfilmcamp im Jugendaus“ berichtet während des Camps „täglich von Filmen“.

Die netzcheckers-Redaktion wartet nicht auf Jugendliche, sie geht auch dorthin, wo Jugendliche sind. Bereits Mitte 2006 wurde ein Workshop mit jungen Migrantinnen im Mädchentreff Azade in Bonn durchgeführt. Die Mädchen Yidiz und Deniz geben dabei Einblick in ihren Schulalltag und ihre Zukunftswünsche.

 

Medienarbeit als Chance

Und netzcheckers initiiert Kooperationsprojekte, die langfristig angelegt sind und auch über den Kreis der ursprünglichen Partner hinaus Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen.

Seit Anfang 2007 besteht eine solche Kooperation mit dem Jugendmigrationsdienst des Internationalen Bundes im Kölner Stadtteil Kalk. Eines der wesentlichen Tätigkeitsfelder

des Jugendmigrationsdienstes sind Sprachförderung und Sprachvermittlung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stoßen jedoch bisweilen an die Grenzen eines schulischen Verständnisses von Lehren und Lernen. „Es reicht nicht, wenn die Jugendlichen, die zu uns kommen, Sprache nur nach dem Lehrbuch lernen. Es reicht auch nicht, dass sie Deutsch nur bei uns sprechen und dann in ihren Familien und in ihrem Freundeskreis wieder in die Sprachumgebung ihrer Herkunftsländer zurückkehren.“ So fassen Mo Leyendeckers und Arno Gehlen, hauptamtliche Mitarbeiter beim Kalker Jugendmigrationsdienst ihre Erfahrungen mit der Sprachförderung zusammen. Gemeinsam haben sie nach einer Möglichkeit gesucht, Jugendliche zum Sprechen zu animieren. Dabei sollten die Kompetenzen und Freizeitinteressen der jungen Leute mit berücksichtigt werden. Gemeinsam mit der Redaktion von netzcheckers.de entstand eine besondere Konzeption des E-Learnings.

Mo Leyendeckers und Arno Gehlen erstellten mit Jugendlichen gemeinsam Audio-Dateien in unterschiedlichen Sprachen und zu unterschiedlichen Themenfeldern und stellten  daraus Hörensagen – der Vokabeltrainer für mobile Leute zusammen. Diese Audio-Dateien erleichtern das Erlernen von Vokabeln und deren richtiger Aussprache. Die Jugendlichen konnten dabei ihre Kompetenzen in ihrer Muttersprache und im Umgang mit PC und Audioschnitt einbringen. Bisher liegen Dateien in Russisch, Französisch, Persisch und Arabisch vor. Sie beinhalten Wortgruppen aus den Bereichen „Soziale Kontakte“, „Arbeit & Beruf“, „Der menschliche Körper“, „Hobby, Freizeit und Sport“ und „Die Post“ und berühren damit Schlüsselfelder von Alltag und Integration.

Die ersten Dateien entstanden im Verlauf eines halben Jahres, weitere Dateien befinden sich in Vorbereitung – es handelt sich also um ein „work in progress“, ein Projekt, das ständig fortgeschrieben wird, sich zu einem festen Bestandteil der Arbeit in der Einrichtung entwickelt hat, sowie auch von anderen Einrichtungen aufgegriffen und erweitert werden kann.

Das Beispiel zeigt, welchen Nutzen Jugendeinrichtungen aus Medienprojekten ziehen können, wenn sie die Nutzung vorhandener Ressourcen als Chance und nicht als zusätzliche Belastung begreifen. Der Weg zu dieser einfachen Erkenntnis ist oft steinig, aber er ist ohne Alternative, wenn man möchte, dass sozial- und bildungsbenachteiligte Jugendliche eine Chance in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft haben sollen.

 

Christian Herrmann arbeitet in Bonn als Webredakteur und pädagogischer Mitarbeiter beim Jugendportal www.netzcheckers.de, verantwortet vom IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.
 
 

 

 

Anmerkungen:

 

1. http://www.jff.de/dateien/Endbericht_Internetradio_Podcasts1.pdf

2. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf07/JIM-Studie2007.pdf

3. http://www.houseofresearch.de/news/Presse/206487%20Die%20Podcaststudie%20II,%20Bericht,%20(c)%20House%20of%20Research%202007.pdf

 

 

 

Textblöcke für in den Text

 

Der Begriff "Podcast" kommt vom englischen Wort "broadcasting" (etwa: "Senden" o.a. "Rundfunk") und dem weit verbreiteten MP3-Player iPod.

 

Podcasting ist das Erstellen und Verteilen von eigenen, selbstgestalteten, herunterladbaren Mediendateien.
Typischerweise werden mp3-Audio-Dateien auf einem Computer hergestellt und dann auf einen Webserver im Internet veröffentlicht.

Mittels einer Weblogsoftware wird ein RSS-Feed immer dann aktualisiert, wenn eine neue Datei veröffentlicht wird.

Mit speziellen Podcasting-Clients, auch Podcatcher genannt, können Nutzer diese RSS-Feeds abonnieren. Der Podcasting-Client lädt automatisch die verlinkten Mediendateien herunter und legt sie z.B. auf einem MP3-Player ab, auf dem er auch einen Playlisteneintrag erstellt.

 

Natürlich muss man nicht zwingend über ein RSS-Feed abonnieren, die meisten Podcast-Portale – wie www.dopcast.de  – bieten die Audio-Dateien auch zum konventionellen Download an.

 

Was braucht man zum Podcasten?

 

Wer selbst einen Podcast produzieren will, muss

·         eine Idee haben

·         den Podcast aufnehmen, eventuell schneiden, ins mp3-Format umwandeln

·         und ihn ins Internet hochladen

 

Checkliste

 

Man braucht

·         Computer (mit Soundkarte!)

·         Mikrofon (intern oder extern)

·         Lautsprecher oder Kopfhörer

·         Programm zum Aufnehmen und Schneiden (zum Beispiel Audacity - kostenlos: www.audacity.de - oder Live Lite 4. Speziell für den Mac: GarageBand 3)

·         eine schnelle Leitung ins Internet

·         Provider von Podspace (zum Beispiel www.netzcheckers.de oder podhost.de

 

Will man nicht nur reden, sondern auch Musik spielen, dann lohnt sich vielleicht auch die Anschaffung

·         eines Mischpults

oder

·         eines Vorverstärkers für das externe Mikrofon

·         und eventuell auch eine Schnittstelle zwischen Mischpult und Computer

 

Jugend online hat eine ausführliche Gebrauchsanweisung zum Podcasting in jugendgerechter Sprache zum kostenlosen Download veröffentlicht:

www.vernettzung.org/podcastbroschuere/Podcastbroschuere_druck.pdf

 

 

Ausblick: Aus Audio wird Video

 

Vodcast ergänzt Podcast und tritt vielleicht seine Nachfolge an. Bei diesem Format wird statt einer Audio- eine Video-Datei abonniert. Insofern waren alle Schlagzeilen falsch. Angela Merkel „podcastet“ nicht, sie „vodcastet“.