Freunde für Frieden und Freiheit

Rollenbilder in der Jugendsektion der Berlinale 2008

 

Von Sabine Sonnenschein

 

An einem ganz normalen Berlinale Tag in der Generation Sektion 14+ begebe ich mich auf große Reise, zusammen mit Freunden bzw. Freundespaaren aus verschiedenen Welten…

 

Meine Reise beginnt bei den Freundinnen Dunja & Desie in einer niederländischen Plattenbausiedlung. Die dunkelhaaarige Dunja mit den braunen Rehaugen, eine junge Muslimin aus einer marokkanischen Einwandererfamilie, steht in der Beziehung für Ruhe und Substanz, während der quirlige, wasserstopfblonde Engel Desie eher einem Blondinenwitz entsprungen zu sein scheint (strohblond = strohdoof, aber mit viel Herz ). Doch dieses mit Hammerklischees beladene Gegensatzpaar vermögen die sympathischen Darstellerinnen (Maryam Hassouni und Eva van de Wijdeven ) mit so viel Leben zu füllen, dass sie letztlich als markante Ausgangspole für eine spritzige Komödie akzeptabel erscheinen. Da Dunja in ihrer alten Heimat einen jungen Mann kennen lernen soll, den ihre Eltern für sie als Ehemann auserkoren haben, ist sie hin und her gerissen zwischen westlicher Freiheit und Respekt vor Tradition und Willen der Eltern. Desies Probleme sind anders gelagert: Das lebenslustige, leichtlebige Mädchen ist von ihrem Fahrlehrer schwanger geworden. Um entscheiden zu können, ob sie das Kind behalten möchte, will sie ihrem in Marokko lebenden, ihr bis dato völlig unbekannten Vater  ein paar wichtige Fragen stellen. Als die leichtbekleidete Desie unangekündigt bei Dunja und ihrer Familie in Marokko auftaucht, prallen mit den Kulturen auch die beiden Mädchen aneinander. Ihr Konflikt mündet schließlich in einer Odyssee der beiden Mädchen durch Dunjas Heimat, auf der sie gemeinsam ein Stück reifen und stärker werden. Das witzige Roadmovie zeigt, dass man in unserem Nachbarland einmal mehr (wie z.B. in der Komödie Schnitzelparadies) den richtigen Tonfall findet, um die Multikulti-Thematik frisch und jugendgemäß aufzubereiten.

Jetzt ist Schluss mit lustig – jedenfalls für heute: Von Marokko aus geht es weiter um die halbe Welt und in eine andere Zeit, ins australische Outback der 60er Jahre. Meine Reisepartner wechseln, doch die Beziehungskonstellation meiner beiden neuen Begleiter weist gewisse Ähnlichkeiten zu ihren Vorgängerinnen auf, geht es doch wieder um einen Konflikt zwischen „black und white“. Statt der Haarfarbe kontrastiert in September allerdings nun die Hautfarbe. In einer Gesellschaft, die die Rassentrennung erst 1980 aufgehoben hat, wird die von eindeutigen Machverhältnissen geprägte Freundschaft zwischen einem weißen Farmerssohn und dem Sohn des Knechts, eines Aborigines, durch den langsamen sozialen Wandel auf eine harte Probe gestellt. Wieder gilt es Schranken  zu überwinden, um die Freundschaft zwischen Ed und Paddy zu erhalten, die zugleich ein Symbol für die Hoffnung auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit bildet.

Im nächsten Film bin ich nun auf dem afrikanischen Kontinent in Ruanda und kann es kaum glauben: Wieder geht es um ein „ungleiches“ Freundespaar, doch tiefer als in dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land können Gräben nicht sein. In Munyurangabo sind es grausame Kriegserfahrungen, die Sangwa und Ngabo trennen, denn die beiden Jugendlichen gehören den beiden Kriegsparteien der verfeindeten Hutu und Tutsie an. Der Tutsi Ngabo will sich mit der Machete an dem Mann rächen, der einst in Zeiten des Genozids seinen Vater getötet hat, und lässt am Ende von seinem Plan ab.

Dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt und niemals zur Lösung eines Problems beiträgt, zeigt auch mein letzter Film an diesen „Tag der internationalen Freundschaft“. Ich erlebe den Ausbruch von Gewalt in einer pittoresken brasilianischen Favela, in der Kids früh auf sich gestellt und Väter Mangelware sind. Die jungen Helden in City of Men, Wallace und Ace hatten jedenfalls keinen, der eine saß im Knast, der andere wurde erschossen. Auch Ace ist mit 16 Jahren bereits Vater, aber die Verantwortung ist ihm in dieser vor Machismo und Gewalt beherrschten Gesellschaft zu groß. Ein Bandenkrieg zweier verfeindeter Gangs droht die Freundschaft zwischen Wallace und Ace zu zerstören. Zudem muss Ace verkraften, dass sein Vater von Wallace´ Vater ermordet wurde. Doch das Ende lässt hoffen: Die beiden brasilianischen Jungs verlassen schließlich die Gesellschaft der vaterlosen Gewaltverbrecher, um nach dem Verschwinden der Mutter Aces kleinen Jungen ordentlich erziehen zu können.

Mit den brasilianischen Macho-Boys, die aus der für sie vorgezeichneten Gewaltspirale ausscheren und versuchen wollen, fürsorgliche, allein erziehende Väter zu werden, endet meine Weltreise. Innerlich begleiten mich meine Mitreisenden noch ein ganzes Stück weiter, denn die jugendlichen Helden dieser in ihrer Machart extrem unterschiedlichen Filme sind einfach plastische, lebensnahe Menschen, die in Konflikten stecken, die ihrem Lebensalter entsprechen und auch der Welt, in der sie leben. All meinen jugendlichen Reisebegleitern ist gemeinsam, dass sie in der Gesellschaft ihrer Heimat mit ganz verschiedenen Zwängen konfrontiert sind. Dagegen lehnen sie sich auf, sie müssen kulturelle, soziale oder Rassenschranken überwinden, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen bzw. überhaupt eine Lebenschance zu erhalten. Es sind mutige Menschen, die sich – immer wird ein Initiationsprozeß gezeigt – erst finden und stark werden müssen, um dann bewusste und moralisch integere Entscheidungen jenseits gesellschaftkonformer Konventionen zu treffen.

Die Geschlechterrollen in den Filmen sind ausgesprochen vielschichtig und meilenweit  entfernt von den Stereotypen in vielen gängigen TV-Serien. Dass an diesem Tage nur so wenige Mädchen eine Hauptrolle spielten, ist eher ein Zufall. In anderen Filmen des Festivals standen die Gefühlswelten 13-jähriger Mädchen (32a) im Mittelpunkt oder es ging es um eine junge Migrantin, die gegen den Willen der Eltern Kung Fu lernen will (Fighter).

So präsentierte das Festival ein breites Spektrum vielschichtiger Rollenbilder, die dafür geeignet sind, Jugendliche in ihrer Identitätsentwicklung zu unterstützen und Denkprozesse für vielfältige ethische, soziale und persönliche Lebensfragen in Gang zu setzen.

 

Sabine Sonnenschein, JFC Medienzentrum Köln