Körper,
Geschlecht und Anerkennung im zeitgenössischen Lifestyle-TV
Von Tanja Thomas
Schön, reich
und berühmt sein wie Heidi Klum und c.o, das ist heute der Wunschtraum
unzähliger Teenager. Styling-Sendungen wie „Germany´s next Topmodel“ und die
Vorher-Nacher Show „Das Model und der Freak“ huldigen deshalb selbstbewußter
Selbstvermarktung und harter Arbeit am Körper-ich. Dabei produzieren sie jede
Menge fragwürdige mediale Images über Schönheit und Erfolg und bemänteln stereotpe
Muster von Weiblichkeit und Männlichkeit durch den steten Ruf nach
Individualität. Das tut bei jungen Leuten seine Wirkung, fordert aber auch zu
oppositionellen Lesarten heraus.
„Fotoshooting bei klirrender Kälte oder in flimmernder Hitze? Angst vor Tieren? Jetlag nach einem langen Flug? Heute im Ballkleid, morgen im Bikini? Professionell und pünktlich? (…) Welche der jungen Frauen bringt die nötige Disziplin, starke Nerven und den eisernen Willen mit?“ Dieses Zitat aus der aktuellen Ankündigung des Senders Pro7 formuliert die Anforderungen, die die Kandidatinnen der 3. Staffel von Germany’s Next Topmodel erwarten. Die Fans fiebern dem Auftakt am 28. Februar vermutlich ebenso entgegen wie viele der 18.117 jungen Frauen, die laut Sender nicht zu den 100 Auserwählten gehören, die in einer ersten Runde gegeneinander antreten.
Die Auseinandersetzung über Schönheit, Körper und Geschlecht
ist ein gesellschaftliches Dauerthema, im öffentlichen Diskurs häufig verbunden
mit den Schlagworten „Schönheitsmythos“, „Schönheitswahn“, gar
„Schönheitsterror“. Das Boulevardblatt BILD kommentierte die erste Staffel von Germany’s Next Topmodel im Frühjahr
2006 mit den Worten: „der Schlankwahn in
der Rippenshow wird immer schlimmer“. Der Tagesspiegel zitierte kurz darauf
die heftige Kritik von PolitikerInnen wie der CDU Bundestagsabgeordneten Gitta
Connemann, die die Sendung als „entwürdigend“ bezeichnete, oder der
FDP-Familienexpertin Cornelia Pieper, die aufforderte, die Sendung aus dem
Programm zu nehmen, weil sie „junge Mädchen verbiegt“. Studien zur
(tele-)medialen Repräsentation schlanker Frauen fragen entsprechend häufig
vorrangig nach den „Auswirkungen“ auf die Körperzufriedenheit junger Frauen
oder gar nach der veränderten Bereitschaft, sich einer Schönheitsoperation zu
unterziehen.
Demgegenüber wird hier eine andere Perspektive eingenommen und aufgezeigt, wie die präsentierten Körperpraktiken und vorgeführten Selbstverständnisse in Germany’s Next Topmodel im Kontext aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse angemessen untersucht werden können. Zudem wird – ohne zu übersehen, dass Frauen qua Geschlecht in nahezu allen Kulturen und Gesellschaften strukturell diskriminiert werden – die Konstruktion passiver Weiblichkeit zurückgewiesen, denn freilich sind auch Frauen ebenso beteiligt an der (Re-)Produktion von Schönheitsidealen wie sie sie im Rahmen der zu Verfügung stehenden Ressourcen und Mittel verändern und zurückweisen können.
Das ergänzende Schlaglicht auf die Sendung Das Model und der Freak (PRO 7), in dem sich junge Männer der Arbeit am Körper-Ich unterziehen, ist doppelt motiviert: Erstens verdeutlicht auch diese Sendung, dass die Vorstellung des Schönheitshandelns als Frauensache[1] als ideologisch bezeichnet werden kann (und freilich auch historisch falsch ist). Zweitens werden in einer Zusammenschau der Formate Gemeinsamkeiten wie Unterschiede deutlich: Beide Sendungen fordern dazu auf, zu einer Transformation des eigenen Ich bereit zu sein. Die Appelle schwanken zwischen der Anrufung von Individualität und „Persönlichkeit“ einerseits und der Erfüllung normierender Vorgaben (etwa hinsichtlich der Körpermaße) und der Aufführung von „Normalität“ (etwa heterosexuellem Begehrens) andererseits. Zugleich unterscheiden sich Germany’s next Topmodel und Das Model und der Freak geschlechtsspezifisch deutlich hinsichtlich der aufgeführten Praktiken des Schönheitshandelns und der Arbeit am Körper.
Medieninhaltsanalysen können belegen, dass das weibliche Schönheitsideal im Zeitverlauf zunehmend schlanker wurde und Mädchen, die ihre Idealfiguren in Fashion- bzw. Teeniemagazinen und Fernsehinhalten sehen, eher unter Körperbildstörungen leiden. Auch lässt sich zeigen, dass RezipientInnen der Serie Baywatch wesentlich häufiger große Brüste idealisieren als diejenigen, die Ally Mc Beal oder Beverly Hills bevorzugen. Eine Präsentation von ‚Idealkörpern’ in Fernsehsendungen und Werbespots kann das eigene Körperbild und die Körperzufriedenheit von jungen Frauen verschlechtern; Langzeitstudien belegen, dass junge Menschen, die schon zu Beginn der Versuchssituation mit ihrem Körper unzufrieden sind, nach der Präsentation von Modelkörpern z.B. in Modemagazinen deutliche Effekte zeigen.[2]
Im Rahmen einer gesellschaftstheoretisch fundierten
Medienanalyse eines Formates wie Germany’s next Top Model ist es jedoch
keineswegs ausreichend, die Aufmerksamkeit allein der Inszenierung schlanker
Körper zu widmen[3]. Sicher wird
auch die dritte Staffel die Vermessung und Verdatung der Körpermaße vorführen;
diese Praxis, mit der wohl nahezu alle LeserInnen diverser
Frauen-/Männer-/Fitnesszeitschriften bekannt sind, ist aber nur ein
Ausgangspunkt der Einübung in verschiedene Praktiken der (Selbst -)Kontrolle
nicht nur des Körpers, sondern auch der Gesten und Verhaltensweisen. Die
mediale Inszenierung führt uns vor, wie Topmodel-Kandidatinnen lernen, den
Körper zu kontrollieren, trotz Schlange um den Hals oder Spinne auf der Haut
spontane Emotionen zu unterdrücken oder auf Abruf Zorn, Ärger oder Enthusiamus
zu verkörpern – kurz das eigene Körperkapital auf unterschiedliche Weise
einzusetzen. Germany’s Next Topmodel präsentiert darüberhinaus, wie
Kandidatinnen lernen, sich in Vergleich zu setzen mit den Konkurrentinnen,
Solidarität als funktional und als situative Leidensgemeinschaft in Erwartung
der nächsten Ausscheidung zu erleben und die Kriterien der Jury allmählich als
die eigenen in die Selbstbewertungen angesichts der Betrachtung des eigenen
Fotos zu integrieren. Der Körper wird so eingelassen in eine scheinbar
freiwillige und selbstbestimmte Arbeit am Selbst, um es zum Erfolgsfaktor zu
machen. „Du musst es wollen, Baby”
lautet ganz in diesem Sinne die erste Erfolgsregel in ihrem Buch Heidi Klum’s Body of Knowledge - 8 Rules of
Model Behavior, zu deutsch Heidi
Klum – natürlich [sic!]
erfolgreich. Aktuell so erfolgreiche Formate wie Deutschland sucht den Superstar, Popstars, Germany’s next Top
Model oder auch Das Model und der
Freak, dem ich mich im Folgenden
zuwende, verbinden damit eine spezifische Anrufung des Subjekts, das
sich selbstbewusst, durchsetzungsstark und dennoch flexibel in Freiheit und
Selbstverantwortung selbst vermarkten kann. Es ist das unternehmerische Selbst[4],
dass hier im Unterhaltungsformat symbolisch politische Rationalitäten (re-)produziert:
In einer Gesellschaft, in der u.a. die Privatisierung
der öffentlichen Daseinsfürsorge und die Deregulierung der Arbeitsmärkte zu
mehr Selbstunternehmertum und Selbstverantwortung auffordert, bieten solche
Formate als Lifestyle-TV an Alltagserfahrungen scheinbar anschlussfähige
Modelle der Lebensführung.
In der Sendung Das Model und der Freak wollen zwei Models zwanzig jungen
„Außenseitern“ in einer „Mission besseres Leben“ zu mehr Attraktiviät,
Selbstbewusstein, Erfolg bei den Frauen und teilweise auch im Beruf verhelfen.
Eine sichtbare Umwandlung der „Freaks“ zu „angesagten, jungen Männern“
hinsichtlich Kleidung und Frisur steht immer erst am Ende der Sendung an;
vorher drehen die Kandidaten z.B. einen Werbefilm über sich selbst, brüllen
gemeinsam mit einem so genannten „Drill-Instructor“ gemäß seiner
Aufforderung „Komm, sei ein Mann“ oder
springen an einem Bungeeseil von einem Turm, um so durch Angstbewältigung in
einer wunderbar medial inszenierbaren Form scheinbar zu Selbstermächtigung zu
gelangen.
Auch Das
Model und der Freak demonstriert damit, wie solche Sendungen zu unentwegter
Selbstthematisierung, -problematisierung und -transformation auffordern, was
ohne Einbettung in gegenwärtige Individualisierungsprozesse nur schwer zu
verstehen ist. Hilfreich ist dabei die Betrachtung von
Individualisierungsprozessen aus zwei Perspekiven: Die eine nimmt die faktische
Differenzierung von Lebens-(führungs)formen und
Lebenslagen in den Blick; die Öffnung sozialer Räume gegenüber individuellen
biographischen Projekten steht dabei im Spannungsfeld mit dem Fortbestand
der ungleichen Verteilung von Lebenschancen. Die andere Perspektive fokussiert
die Ebene kultureller Codes und Diskurse: Dort stellt
sich dann u.a. die Frage, ob Handlungskompetenzen und Folgen vorzugsweise den
Individuen selbst oder externen sozialen Einflüssen zugerechnet werden (können
und sollen).
Gerade unter der letztgenannten Perspektive sind die häufig
formulierten Aufforderungen zur Arbeit an der ‚Persönlichkeit’ und zur
Aufführung individueller Einzigartigkeit in Sendungen wie Topmodel und Das Model und der Freak auch hinsichtlich
ihrer gesellschaftlichen Wirkungsmächtigkeit interessant. „Individualität“ wird
in beiden Formaten angerufen und
zugleich – scheinbar paradox – verbunden mit einer Aufforderung zur
Normalisierung und Reproduktion vergeschlechtlichter wie heteronormativer
Stereotype, die soziale Ungleichheiten verfestigen (können). Anerkennung gilt
dabei vorrangig dem Willen zur Veränderung und ‚Selbstverwirklichung’ entlang
dieser Maßstäbe.
Mann + Frau – gleichsam ausgeliefert?
Während die jungen Männer in Das Model und der Freak ihre ‚Schwächen’
zwar unumwunden eingestehen und Mann demonstrativ hilflos auf Rat und Hilfe der
‚Expertinnen’ hofft, unterscheidet sich dieses Format deutlich von Germany’s next Topmodel hinsichtlich der
Positionierung der Kandidaten in einem Hierarchiegefüge: Während die
Topmodel-Inszenierung die jungen Frauen in eine dauerhafte Praxis der
(Selbst-)Disziplinierung einübt, betont das Das Model und der Freak deutlich die zeitlich begrenzte
Unterwerfung unter die Regulierung und Anerkennung durch die weiblichen Models.
Dies nur als ein Hinweis auf die geschlechtsspezifischen
Inszenierungsweisen, deren Rezeption und Aneignung zudem in empirischen Studien
zu untersuchen wäre. Denn schon Interviews mit Rezipientinnen von Germany’s next Topmodel verdeutlichen
zunächst zweierlei: Erstens, dass Medizinstudentinnen wie Schülerinnen einer
Berufschule die Popularität des Formats überinstimmend damit erklären, wie
schön es doch sei, zuzusehen „wie eine
ihren Traum verwirklicht“. Der Mythos von dem sich selbst verwirklichenden
Ich – vom „Leben nach Wahl“ übt offenkundig übergreifend Faszination aus.
Zweitens, dass oppositionelle Lesarten populärer Genres mit Blick aus soziale
Positionierungen wichtige Einsichten
bieten: So übt eine Berufsschülerin heftige Kritik an einer Szene in Germany’s Next Topmodel, in der
Moderatorin Heidi Klum vor Millionenpublikum die Koffer der Kandidatinnen öffnet,
Kleidungsstücke empört in die Höhe hält und anschließend in einem Eimer mit der
Aufschrift „Fashion Trash“ auf Nimmerwiedersehen verschwindet lässt. Eine der
Rezipientinnen weist darauf hin, dass die jungen Frauen doch „wahrscheinlich
echt gearbeitet haben für die Klamotten“, eine andere, wie hier
Normierungsprozesse einsetzen: „also ich
find’s ganz schlimm, die nehmen doch den Mädchen die Persönlichkeit weg, was
sie sind, … das ist doch dann nur noch ein Mädchen, das zurechtgebogen wird“.
Diese knappen Einblicke, so mein Plädoyer, zeigen, dass
gerade eine Verknüpfung gesellschaftstheoretisch fundierter Medienanalyse von
Lifestyle-TV mit Einsichten in die gesellschaftspolitisch strukturierten
Alltagserfahrungen der RezipientInnen ein produktiver Ausgangspunkt wäre auch
für eine zeitgemäße pädagogische Praxis.
Prof.
Dr. Phil Tanja Thomas ist
Juniorprofessorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der
Universität Lüneburg. Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen
Kritische Medientheorien, Cultural Studies, Mediensoziologie und Gender Media
Studies.
Anmerkungen
[1]
vgl. Degele, Nina (2004): Sich schön machen. Zur Soziologie von
Geschlecht und Schönheitshandeln. Wiesbaden: VS.
[2] vgl. dazu exemplarisch die Studien von Harrison, Kristen (2003):
Television Viewers’ Ideal Body Proportions: The Case of Curvaceously Thin
Woman. In: Sex Roles, Nr. 5/6, 255-264; Stice Eric/ Spangler,
Diane/Agras, Stewart W. (2001): Exposure to media portrayed thin-ideal images
adversely affects vulnerable girls. A longitudinal experiment. In: Journal of
Social and Clinical Psychology, 20 (3), 207-288; Petersen, Lars-Eric (2005):
Der Einfluss von Models in der Werbung auf das Körperselbstbild der
Betrachter/innen. In: Zeitschrift für Medienpsychologie, 17 (N.F. 5), 54-63;
zusammenfassend vgl. u.a. Eggermont/Beullens/van den Bulck (2005): Television
viewing and adolescent females’ body dissatisfaction: The mediating role of
opposite sex expectations. In: Communications 30, 343-357.
[3] vgl. ausführlicher Thomas, Tanja (2008a): Körperpraktiken und Selbsttechnologien in einer Medienkultur: Zur gesellschaftstheoretischen Fundierung aktueller Fernsehanalyse. In: Thomas, Tanja (Hg.): Medienkultur und soziales Handeln: Wiesbaden: VS, 219-238 sowie Thomas, Tanja (2008b): Leben nach Wahl? Zur medialen Inszenierung von Lebensführung und Anerkennung. In: Wischermann, Ulla/ Thomas, Tanja (Hg.): Medien – Diversität – Ungleichheit. Zur medialen Konstruktion sozialer Differenz. Wiesbaden: VS, 225-244.
[4] vgl. Bröckling (2007) Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
WEG : Tanja Thomas, Prof. Dr. phil., ist
Juniorprofessorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur.
Zu ihren Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen Kritische Medientheorien,
Cultural Studies, Mediensoziologie und Gender Media Studies.