Wie wild sollen sie es noch treiben?

Mädchen erobern die Leinwand

 

Von Christian Exner

Jungen handeln und Mädchen kommen vor, häufig als hilflose Blondinen und egozentrische Rothaarige. Klischees, die längst überkommen wirken, haben im Fernsehen noch immer Bestand anders als im internationalen Kinderfilm. Während eine Analyse der Hauptfiguren im Kinderfernsehen1 zum Schluss kommt, dass es zu wenig und wenn, dann höchst stereotype Mädchenrollen gibt, zeigt sich Kindern im Kino ein anderes Bild. Auch wenn es für den Bereich des Kinderfilms keine entsprechende wissenschaftliche Beschäftigung gibt, ist offensichtlich, dass seit Jahren viele neue Power-Mädchen auf die Leinwand drängen. Das Geschlechterverhältnis im Kinderfilm ist heute viel ausgewogener als früher, doch im Kinosaal sind Jungs und Mädchen häufig separiert.

 

 

Als wilde Fußballkerle konnten sich die Helden in Massanneks beliebten Kinder- und Jugendfilmen in den letzten Jahren auf Deutschlands Kinoleinwänden austoben. Alles wird gut, wenn du wild bist! Das ist der Schlachtruf der wilden Kerle, dem sich auch die Mädchen angeschlossen haben. Denn wild sind auch die Hühner, eine Mädchenclique, die nach den Jugendbüchern von Cornelia Funke nicht minder beliebt ist – in der Literatur wie im Kino. Ist nun wirklich alles gut in deutschen Kinderfilmen, weil Mädchen und Jungen in Wildheit vereint sind?

 

Hauptsache wild

Auf alle Fälle ist es gut, dass Mädchen und Jungen in den Kinos als Protagonisten gleichermaßen präsent sind. Denn lange ist es noch nicht her, dass Mädchen im Kinder- und Jugendfilm kaum einmal tragende Rollen einnehmen konnten. Der aktive Part blieb bis weit in die 80er und frühen 90er Jahre den männlichen Figuren überlassen.

Wenn man spitzfindig sein wollte, könnte man anmerken, dass „wilde Kerle“ etwas besser klingt als „wilde Hühner“. Echte Kerle sollen ungezügelt sein, während bei wilden Hühnern etwas Despektierliches mitschwingt. Man denkt an aufgescheuchte Hühner oder verrückte Hühner – das sind nicht so tolle Assoziationen. Doch die Beliebtheit der Mädchen- und Jungen-Gangs wischt solche Feinheiten hinweg. Im Jugendslang laufen wilde Hühner sowieso unter „Chicken“ und gegen wilde Bolzer kann man in Fußballdeutschland sowieso nichts einwenden. Rote Zora, Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter haben endlich gesiegt.

Haben sie wirklich gesiegt? Ist es ein Zufall, dass Die wilden Kerle in der Kinostatistik deutlich besser abschneiden als Die wilden Hühner. Die wilden Kerle stiegen mit knapp unter einer Millionen Kinozuschauer in ihr Sequel ein. Zwar hatten die Hühner mit knapp über einer Million bei ihrer ersten Ausgabe noch die Nase vorne, doch begannen sie mit der Pubertät im zweiten Film Die wilden Hühner und die Liebe statistisch leicht zu schwächeln, während die Kerle mit jedem weiteren Werk beinahe stetig um ca. 500.000 Zuschauer zulegen – egal wie surreal und abgehoben die von Sequel zu Sequel mehr und mehr stilisierten Kicker-Szenarien auch erscheinen mögen. Zugegeben, das sind Luxusprobleme angesichts respektabler Kinoerfolge für beide Zielgruppen – für Mädchen und für Jungen.

Außer ihrer aufgesetzten „Wildheit“ haben die beiden Filme wenig gemein. Nur so viel: jeder bestätigt im Grunde auf seine Art herkömmliche Rollenmuster: Jungen interessieren sich für Fußball und Mädchen für Beziehungen. Das war bei Zora, Pippi und Ronja denn doch anders. Also vorläufig kein Sieg für die großen Anarchistinnen der Leinwände und der Mattscheiben. Aber sie haben würdige Nachfolgerinnen. Und dies nicht zu knapp.

Der Wandel kam in den 90er Jahren. Das traditionsreiche LUCAS-Kinderfilmfestival in Frankfurt am Main konstatierte in seinem Katalog aus dem Jahr 1997 „Nach einer langen Zeit, in der der Kinder- und Jugendfilm überwiegend Jungen als Protagonisten präsentierte, kann man inzwischen von einer Trendwende sprechen, die sich schon bei LUCAS 96 andeutete. Mädchen erscheinen neben Jungen gleichberechtigt in Hauptrollen. Hoffentlich zeigt das Wettbewerbsprogramm bei Lucas in Zukunft, dass es hinter diese positive Entwicklung kein zurück mehr gibt.“ Es gab bis heute kein Zurück. Das ist gut so!

Was war geschehen?

 

Von Thelma zu Selma

Zwei Jahre zuvor hatte das Festival sein Programm um Jugendfilme erweitert. Und plötzlich erschienen Filme wie Nie mehr 13 (Aldri mer 13) von Sirin Eide aus Norwegen oder Der Traumprinz von Em (Drömprinsen) von Ella Lemhagen aus Schweden. Beides Filme über Identität und Beziehungsprobleme von Mädchen im Pubertätsalter. Wie bei so mancher Entwicklung im Kinder- und Jugendfilm wurde der Stein in Skandinavien ins Wasser geworfen. Die Wellenbewegungen zeigten sich in den nächsten Jahren. 1997 wiederum bei LUCAS konnte sich das Publikum über Selma und Johanna erfreuen. Ein Road-Movie mit einer Heldin namens „Selma“ – wer dabei an Thelma und Louise denkt, der liegt ganz richtig. Der Film handelt von einem elfjährigen Mädchen, das sich mit ihrer Freundin wegen einer ungerechten Behandlung durch ihre Lehrerin persönlich aufmacht zum europäischen Gerichtshof. Er endet zwar nicht in einem furiosen Abgang sondern in einem Zugeständnis durch die pädagogischen Instanzen, doch Parallelen zum amerikanischen Vorbild sind beabsichtigt. Frauen-Power erobert die Strasse. Sicher ist es kein Zufall, dass bei diesen Filmen Frauen auch hinter der Kamera anzutreffen waren.

Mit Girl-Power ging es nach dem Milleniumswechsel weiter in einem veritablen Action-Film aus Dänemark: Kletter-Ida entstanden im Jahr 2001. Diesmal in der Regie eines Mannes, Hans Fabian Wullenweber. Ida, das mutigste Mädchen seit Pippi Langstrumpf, so nannte sie der Filmkritiker Ralf Rüdiger Hamacher in seiner Rezension. Astrid Lindgrens Piratentochter wirft noch immer einen langen Schatten. Die eichhörnchengleich kletternde Ida zieht nicht weniger taff als der damals angesagte Actionstar Tom Cruise in Mission Impossible einen perfekt geplanten Bankraub durch.

Ein mutiges Mädchen in einem spannenden Action-Film. Girl-mission is possible! Die Sparte Kinderfilm gebiert neue Sub-Genres. Mädchen können und dürfen alles, was männliche Helden auf der Leinwand zugestanden wird. Und der Kinderfilm kann und darf sich neuer dramaturgischer Muster bedienen. Dänemark nicht nur mit Dogma ein innovatives Filmland zu dieser Zeit. Action und Kinderfilm – für nicht wenige war das bis dahin eine pädagogisch fragwürdige Paarung. Durch Kletter-Ida wurde der Kinderfilm neu eingeortnet. Und dennoch bleibt Kinderfilm Kinder-Film. Für einen Bankraub muss es schon ein hehres Motiv als hinreichende Begründung  geben. Bei Kletter-Ida geht es um nicht weniger als eine Frage von Leben und Tod in der Familie. Der Vater ist schwer erkrankt. Nur eine teure Operation kann ihn retten. Damit werden jegliche Bedenken wegen des kriminellen Vorgehens hinweggewischt. Subtil ist das nicht. Aber wirksam. Kletter-Ida bedient sein junges Publikum mit Hochspannung und mitreißender Action. Da sieht Pippi in ihrem Taka Tuka-Land auf einmal ganz schön alt aus.

 

Separierte Zielgruppen

Es scheint sich einiges getan zu haben bei den Rollenmustern von Kinderfilmen in den letzten Jahren. Und dennoch hat es manchmal den Anschein, als sei der Kinderfilm insgesamt ein längst überholtes Konzept. Im Kinderfilm sind Kinder die Helden – egal ob sie Karlsson oder Ida heißen. Erwachsene erscheinen als depperte Ganoven, joviale Großväter, ausgetickte Großmütter, gestresste Eltern oder Clowns mit philosophischen Zügen. Kinder machen ihre Sachen mit Kindern aus. Erwachsene bleiben Randfiguren. Für nicht wenige Dramaturgen gilt die Regel: Kinder müssen die Erwachsenen übertrumpfen können. Daraus resultieren eindimensionale, langweilige Erwachsenenfiguren. Immerhin, die vereinfachten Rollenbilder bei den Gegenspielern der jungen Helden bringen sehr geschmeidig die Mechanik von Kinderplots in Gang. Wenn der Kinderfilm schon dermaßen unrealistische Welten zeichnet, warum sollte man sich dann daran stoßen, dass die Rollenmuster von Mädchen und Jungen in Kinderfilmen lange Zeit weit hinter den gesellschaftlichen Standards zurückblieben? In den späten 60ern und bis in die 80er Jahre hinein gab es eine starke Frauenbewegung. Doch erst in den 90er Jahren erschienen Mädchen als ernst zu nehmende Protagonistinnen. Vorher waren die Jungen im Kinderfilm beinahe Alleinherrscher auf der Leinwand. Nicht dass Mädchen nicht vorgekommen wären. Aber sie spielten doch eher die Rolle der „supporting actors“. Muss es eine Selma und eine Ida geben, damit diese Bilder zurechtgerückt werden? Oder waren Pippi und Zora die Stellvertreterinnen der Frauenbewegung im Film?

Wenn man davon ausgeht, dass Rollenmodelle in Filmen nicht nur Mentalitäten und Ideale spiegeln sondern tatsächlich prägend auf das Verhalten junger Zuschauer wirken, dann hätte es schon viel früher kulturpolitische Kampagnen für Mädchen auf der Leinwand geben müssen. Entscheidend für die Erlebnisintensität des Kinos ist das Identifikationspotenzial der Protagonisten. Solange es nur Helden und keine Heldinnen gibt, wird speziell Mädchen ein Teil dieses Erlebnisses vorenthalten. In gewisser Weise ist es vergleichbar mit der Dominanz von Romeo und Julia-Plots. Homosexuelle haben logischerweise ihre eigene Perspektive in Liebesfilmen lange Zeit vermisst. Dieses Defizit wurde durch eine DVD-Schwemme mit Liebesgeschichten in allen Varianten von schwul und lesbisch ausgeglichen. Entsprechend fehlten im  Kinderkino in den 90er Jahren oftmals Identifikationsfiguren für Mädchen. Heute ist im Großen und Ganzen allerdings eine zufrieden stellende Ausgewogenheit erreicht. Doch die Vorstellung einer durchge-gender“-ten Programmmischung blendet ein Problem aus: Die Zielgruppen werden dabei separiert. Wilde Jungs ergötzen sich an gestylten Kickern in irrealen Szenerien und Mädchen durchleiden mit den wilden Hühnern den Beziehungskrampf der Pubertät in all ihren Spielarten. Wo Mädchen und Jungen zusammen auf der Leinwand erscheinen, da sind nicht selten die überkommenen Verhaltensschemata zu erkennen. Harry Potter ist der Held. Hermine dagegen ist zwar blitzgescheit, sie kommt aber auch recht zickig rüber. Lars, der kleine Eisbär ist ein mutiger Abenteurer –  seine Freundin eine treue Begleiterin.

 

Mädchen in Jungenkleidern

In Zeiten, da Mädchen vieles verwehrt blieb, was Jungen zugestanden wurde, war die Verkleidung eines Mädchens als Junge ein beliebtes Filmmotiv. Nur in der Rolle eines Jungen konnten Mädchen sich gewisse Freiheiten erlauben und große Abenteuer erleben. Eine Emanzipation auf Zeit, um den Preis der Aufgabe der eigentlichen Identität. Die Gefahr der Enttarnung verlieh diesen Erzählungen ihre besondere Spannung. Am Ende dramatischer Verwicklungen stand häufig die Rückkehr in die „naturgegebene“ Geschlechterrolle. Zwei Filme sprengten dieses Muster. 1988 entstand in Peru der Film Juliana aus der politisch ambitionierten Produktionsschmiede Grupo Chaski. Die 13-jährige Juliana flieht aus einem bedrückenden Elternhaus und gerät in die Hände von Don Pedro, einem Bettlerkönig, der die Kinder ausbeutet. Da er nur Jungen akzeptiert, wird aus Juliana „Julian“, ein Junge mit unbeugsamer Haltung, der schließlich einen Aufstand der Kinder anzettelt. In ihrer Rebellion überwindet Juliana den Pascha und verschafft sich zugleich als Mädchen Respekt in einer neu organisierten Kinderbande. Eine Emanzipationsgeschichte, die in ihrem globalen Anspruch die Befreiung von Geschlechterrollen mit der sozialen Befreiung verquickt. Auch in dem Film Lehrling des Meisterdiebs, entstanden 1992 in Schweden, bekennt sich ein Mädchen nach der Verkleidung als Junge schlussendlich zu ihrer wahren Identität. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wächst die zwölfjährige Josefina auf und bekommt ausgerechnet von ihrer Mutter immer nur zu hören: "Töchter sind ein Unglück, Jungen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand." Schließlich tut Josefina genau dies: Sie nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, indem sie sich als „Jonas“ einem Taschendieb anschließt, der ihre schlanken Hände zu nutzen weiß. Spätestens als sich „Jonas“ in den Meisterdieb verliebt, ist es für Josefina an der Zeit, eine Frau zu werden.

 

Wann ist der Mann ein Mann?

Im Jahr 1997 erschien der Film Mein Leben in Rosarot. Eine Travestie, die sich nicht nur an der Figur des siebenjährigen Protagonisten Ludovic festmachte, sondern in der gesamten Form dieses bemerkenswerten Gesellschafts- und Sittenporträts niederschlug. Eine Familie verliert ihren bürgerlichen Status, weil der Sohn sich als Mädchen fühlt und wie eine Prinzessin kleidet. Der Junge behauptet in Mädchenkleidern mit aller Unschuld seine Identität. Die Eltern schwanken zwischen Verzweiflung und Toleranz. Am Ende verliert der Vater seinen Job. Die bürgerliche Existenz ist dahin. Die Familie steigt ab und landet in einer Mietswohnung im Vorort. Ob das angesichts einer erstickenden Spießigkeit im bürgerlichen Milieu tatsächlich einen Verlust darstellt, ist die Frage. Bei der Mutter kommt es zu einem Gesinnungswandel. Irgendwann akzeptiert sie ihren Ludovic so,  wie er sein will. Außerdem sorgt die Entdeckung, dass auch ein Mädchen aus der neuen proletarischen Nachbarschaft ihre Geschlechterrolle getauscht hat für mehr Akzeptanz. Mein Leben in Rosarot wurde kaum als Kinderfilm wahrgenommen, wenngleich er mangels ähnlich offensiver Stoffe von einigen mutigen Programmverantwortlichen bisweilen in Kindervorstellungen gespielt wurde. Für die Genderdebatte war dieser Film ein Meilenstein. Doch als integraler Beitrag zur Kinderfilmhistorie kann er mangels Verbreitung kaum gelten.

Diese beiden Filme zeigen gesellschaftliche Hintergründe, in denen die Rollendefinitionen von Mädchen und Jungen sehr eng abgesteckt sind. In unserer Gesellschaft heute werden geschlechtsspezifische Verhaltensmuster stärker als gesellschaftliche Konstrukte denn als biologische Tatsachen gesehen. Jungen können durchaus mehr „weibliche Anteile“ haben als Mädchen und umgekehrt. Die Zuschreibung von Geschlechtsidentitäten folgt Typisierungen, die sich aus einem generalisierten Verhaltenskanon ergeben. Bei jedem Einzelnen, egal ob Junge oder Mädchen, ob Mann oder Frau finden sich jedoch viele Abweichungen vom männlichen Durchsschnittstyp und seinem Pendant, der Durchschnittsfrau. Dessen wird man sich bewusst, wenn man den Film 2 kleine Helden betrachtet. Der zarte Marcello entspricht überhaupt nicht dem, was sich sein stolzer italienischer Vater unter einem echten Jungen vorstellt. Marcello eignet sich nicht zum Held des Fußballplatzes und auch sonst scheitert er an fast allem, was einen Macho auszeichnet. Mit seinem Vater teilt er eine völlig unbegründete Großspurigkeit. Doch während Marcello an seinen permanenten Niederlagen leidet, hat der Vater sich in seinen Lebenslügen eingerichtet. Das mag deprimierend und problembeladen klingen, doch in der Inszenierung von Ulf Malmros werden die eher komischen Momente der früh gebrochenen Männlichkeit akzentuiert. Was Marcello abgeht, das hat seine Freundin Fatima zuhauf. Sie ist selbstbewusst, mutig und sehr geschickt im Umgang mit dem runden Leder. So würde sich Marcellos Vater seinen Sohn wünschen. So wünscht sich Fatimas libanesischer Vater aber keinesfalls seine Tochter! Als Fatimas Bewährungsprobe auf dem Bolzplatz ansteht, braucht sie einen gezielten Anschub durch Marcello, der durch seine inneren Zwiegespräche mit einem salopp skurrilen Jesus gereift ist. Den Film 2 kleine Helden durchzieht eine wunderbare Ironie und Leichtigkeit. Die Geschlechterrollen werden hier diametral verschränkt. Und dennoch werden Marcello und Fatima ganz entspannt als vielschichtige Charaktere gezeichnet – zusammengeschweißt durch ein gemeinsames Schicksal als gemobbte Ausländerkinder.

 

 

Gender-Debatte und Dialog der Kulturen

Übrigens werden in 2 kleine Helden ausnahmsweise auch einmal die Erwachsenen nuanciert dargestellt. Trotz ihrer offensichtlichen Schwächen werden sie nicht als Volltrottel stilisiert. Auswandererfamilien, Migrationshintergründe – das sind üblicherweise die Folien für ein verschärft traditionelles Frauenbild. Doch Fatima kann sich gegen ihre Brüder wehren, die wie Wachhunde auf Jungenkontakte anschlagen und entlarvt sie als Integrationsmuffel. Die Genderdebatte ist eng verknüpft mit dem Dialog der Kulturen. Unter diesem Aspekt ist 2 kleine Helden ein hochmoderner Film. Darin geht er ein Stück weiter als der fast zeitgleich erschienene Film Nenn mich einfach Axel, der von einem äußerst ungewöhnlichen kulturellen Zusammenprall erzählt. Axel tritt zum Islam über, weil er die großen Jungs in ihrer Rap-Attitüde cool findet. Ein Plot, der viele Fragen aufwirft und beantwortet. Doch brisante Genderaspekte lässt er kaum aufkommen. Mutter und Schwester verspotten den jungen Konvertiten, indem sie ein Kopftuch überziehen und einen Kniefall vor ihm machen. Damit ist dieses Thema abgehandelt. Etwas schade, diese Verkürzung auf eine simple Pointe. Schade auch, dass die Mädchen wieder einmal zurückgestuft werden zu supporting actors.

Die skandinavischen Länder – und hier insbesondere Schweden und Dänemark – waren im Kinderfilm oft Vorreiter mit ihren sozialpsychologisch fein durchgezeichneten Filmen. Möglicherweise sind sie auch diesmal Trendsetter und wir dürfen in den nächsten Jahren ähnliche Plots auch in Deutschland erwarten. Das würde bedeuten: Mehr Dialog der Kulturen und weniger Genderdebatte. Im Idealfall vielleicht beides, wie bei 2 kleine Helden.

Vorläufig kehrte zunächst einmal Die rote Zora in der Regie von Peter Kahane zurück. Eine Kultur-Ikone der Linken erlebt ihr Revival. Etwas altbacken kommt sie leider daher. Vielleicht braucht das Kinderkino heutzutage kein Revival von Zora, Ronja und Pippi mehr, weil die Protagonistinnen inzwischen stark genug sind. Das wäre eine gute Nachricht.

 

Christian Exner, wissenschaftlicher pädagogischer Mitarbeiter im Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (KJF), Remscheid

 

Anmerkung: Vgl. Maya Götz: Die Hauptfiguren im deutschen Kinderfernsehen. In: TelevIZion 19 (2006) (http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/19_2006_1.htm)